Sehen Sie auch überall Experten?

Es ist doch so: Überall begegnet man Experten. Gerade in Zeiten von Kriegen, Krisen und allem anderen, wofür sich Menschen gerade aktuell so interessieren. Wann und wo immer etwas passiert, passiert auch gleich der passende Experte. Und das ist auch gut so. Denn ohne Experten wüssten wir ja gar nicht, was wir so denken und meinen sollen. Was wir schließlich zu jedem Thema sollten. Vor allem eigentlich denken, aber letztlich ist das Meinen viel wichtiger. Wirklich. Lassen Sie das mit dem Denken, das hat Folgen. Aber das Meinen, das ist eine gute, einfache Sache. Macht ja schließlich auch jeder.
Und dafür brauchen wir die Experten, die uns so zahl- und hilfreich zur Seite stehen, damit wir eine Meinung haben können, mit der wir wiederum unsere sozialen Kontakte pflegen und vertiefen. Oder abbrechen. Jeder wie er eben meint.

Wie erkennt man aber eigentlich einen Experten? Oder ist man gar selbst ein Experte? Ja, da sind Sie überrascht, nicht wahr? Nein? Sind Sie nicht? Sie sind bereits ein Experte? Toll! Jetzt wäre noch interessant, worin Sie Experte sind. In allerlei verschiedenen Bereichen, sagen Sie? Das ist aufregend. Viele verschiedene Bereiche und direkt Experte darin sein. Ein Traum. Hoffentlich melden Sie sich auch immer zeitnah, eloquent und objektiv zu Wort, falls irgendwo ein Experte gebraucht…ach ja, machen Sie? Wo, wenn ich fragen darf? Ach, auf Facebook. Na, das ist allerdings…auf Twitter auch? Klar, doppelt hält besser. Was macht Ihren Expertenstatus denn eigentlich aus? Aha, Sie wissen viel. Weil Sie sich gut informieren. Soso.

Es wird sich gut informiert, und schon ist man Experte. Nun beleuchten wir doch mal dieses „Informieren“. Wie und wo genau informieren sich all die Experten? Ich habe hier einmal repräsentativ drei verschiedene Expertentypen ausgewählt.

 

Expertentyp I

„Na, ick lese Zeitung, wa? Jeden Tach auffem Wech zur Aabeit und ooch inne Pause lesick die BILD, bis ahmds krich ick die durch. Und Radjo, Radjo hörnwa ooch, die Kollejn un icke. Und wia diskutiern ooch allet. Dis-ku-tiern, wissense? So wird det allet jut jemischt, weil ja jeder wat weeß. Und denn weeß ick nachher janz schön wat.“

Das ist doch schon mal sehr, sehr schön. Und wenn dann dieser Mensch seine Expertenmeinung im „Intanett“ mitteilt, sind wir mit unserer Meinungsbildung schon einen großen Schritt weiter.

 

Expertentyp II

„Nun, ich habe den `Poppenbüttler Anzeiger´abonniert und sehe mir täglich die Tagesschau an. Und wenn mich ein Thema besonders interessiert, dann schau ich auch schon mal eine Dokumentation darüber. Auf einem öffentlich-rechtlichen Sender natürlich.“

Natürlich. Denn nur so und nur dort findet man die richtigen Informationen, um sich einen gewissen Expertenstatus zu erarbeiten. Und sich eine facettenreiche, fundierte Meinung zu bilden, die man dann uns anderen, die dazu gewiss nicht in der Lage sind, hilfreich und eilfertig mitteilen kann.

 

Expertentyp III

„Ich lese die Zeit, die Welt, die Süddeutsche. Dazu den Stern, den Spiegel, und die Geo, und zwar regelmäßig. Ich sehe mir sehr viele verschiedene Dokumentationen an und bemühe mich, mit Menschen zu kommunizieren, die mit der jeweiligen Thematik unmittelbar konfrontiert sind. Ich mache schon mein Leben lang Reisen in die ganze Welt, damit ich weiß, wie es überall WIRKLICH aussieht. Und bevor ich mich mit einem Thema nicht bis ins letzte Detail auskenne, dann äußere ich mich auch nicht öffentlich dazu.“

Na, hervorragend. Das ist ja schon quasi Note A+++ (oder wie ist die Höchstnote derzeit bei der Energieeffizienz von Waschmaschinen?).
Ich gebe zu, Expertentyp III ist mir von all den hier genannten, und diese Liste erhebt, wie gesagt, keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, noch der liebste. Obwohl diese Typen oft eine unangenehm riechende Sturheit an den Tag legen, wenn sie einem ihr mühsam erworbenes und daher selbstverständlich unumstößliches Wissen mitteilen. Aber nun gut, nobody is perfect, um mal einen Allgemeinplatz zu bemühen.

Was generell einfach am meisten nervt an all den Experten, die uns täglich, ja, minütlich mit ihrem wichtigen Wissen beglücken, ist die Tatsache, dass sie davon ausgehen, dass „die anderen“, also wir, geneigte Leserin, geneigter Leser, halt einfach kaum bis gar keine Ahnung haben. Und deswegen regelmäßig belehrt werden müssen. Damit wir mal auf Spur kommen. Und das Richtige meinen.

Denn, machen wir uns nichts vor, wir meinen eben meist nicht das Richtige. Weil man das ohne die Experten ja auch gar nicht kann.

Aber wissen Sie was? Seien Sie doch einfach auch ein Experte. Suchen Sie sich weiter oben im Text (den Sie bis hierher gelesen haben, großartig! Seien Sie sich meines Respekts ob Ihrer Geduld und Ihres Durchhaltevermögens gewiss.) einfach den Expertentyp aus, der Sie sein möchten und seien Sie einer.
Oder seien Sie ein anderer Expertentyp, von dem ich noch nichts weiß, den ich hier nicht aufgezählt habe. Erfinden Sie einfach den Expertentypus, der Ihnen einfällt, der zu Ihnen passt. Warum nicht? Experte sein ist heutzutage nicht mehr so schwer wie früher. Und macht bestimmt Spaß. Und es ist ja am End auch einfach ein schöner Titel.

Vielen Dank für Ihre Zeit, die Sie meinem Text schenkten. Er wurde von mir aus purer Faulheit nicht durchgegendert, bleiben Sie mir bitte trotzdem gewogen. Ich spreche mit meinen Worten natürlich auch alle Damen an, jedoch, das sei hier erlaubt zu sagen, sind die meisten Experten, wie ich sie hier meine, eher männlich.
Und das ist meine ganz persönliche Sicht. Ich habe da keine Zählung vorgenommen und geexceltabellt, das ist eine vollkommen subjektive Wahrnehmung.

Ich bin da halt kein Experte.

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