„Der Flüchtling klaut mir meinen Fernseher!“ Oder: Verarscht fühlen ist das neue 20.

die Kuchenbäckerin

Ich habe lange überlegt, ob es klug ist, zu diesem Thema die Fresse aufzureißen.

Wahrscheinlich bin ich dafür nicht genug informiert. Sicherlich bin ich zu aufbrausend. Zu drastisch. Möglicherweise zu, ähm, vulgär. Vielleicht habe ich sogar schlichtweg keine Ahnung. Ich habe nämlich nicht Politikwissenschaften studiert. Und auch nicht die FAZ aboniert. Oder die Süddeutsche. Ich klicke mich nicht nach Feierabend stundenlang durch einschlägige politische Onlineartikel oder gucke den 24 Std. Tagesschau Kanal im PayTV.

Ich lese jeden Morgen auf der Arbeit die Bild. Und wühle mich durch die yellowpress. Ich verdiene mein Geld nicht damit, investigativ zu recherchieren, sachlich fundierte Fragen zu unbequemen Themen zu stellen oder in Kriegsgebieten mit einer Lampe auf dem Kopf und schusssicheren Weste am Körper durch dreckige Höhlen zu kriechen. Ich bin nicht Christiane Amanpour. Mein Job ist es, glücklich zu machen. Und ich liebe es.

Ich glaube daran, dass ein Herzenswort, ein positiver Blick…

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„Der Flüchtling klaut mir meinen Fernseher!“ Oder: Verarscht fühlen ist das neue 20.

Jetzt lernen Sie meine Oma kennen – und meine Meinung.

Meine Oma ist mir als hutzelige, kleine, etwas verplante Person in Erinnerung. Mit grauem Haar, in dem immer ein Rest Dauerwelle versuchte, Locken vorzutäuschen. Im höheren Alter hat Oma die Dauerwelle nur noch selten beim Friseur machen lassen. „Ach Jung, dat ischa immer auch so düer.“

Sie sprach einen ganz eigenen Dialekt, der sich aus dem für Schleswig-Holsteiner typischen nordischen Slang, plattdeutsch und gesprochenen Rechtschreibfehlern zusammensetzte.
„Düer“, also teuer, ist ein Wort, was man oft von ihr hörte. Dies ist düer, das ist düer, fast alles war düer. Aber manches war ihr nie zu teuer. Dazu gehörte auch ihr einziger Enkel, also ich.

Was mich anging, war sie immer sehr großzügig. Besonders zu Weihnachten und Geburtstagen.
Ich hatte, wie so viele, irgendwann im jugendlichen Alter begonnen, mir von ihr Geld statt gekaufter Geschenke zu wünschen. Dies wurde dringend notwendig, als ich feststellte, dass sie beim besten Willen nicht lernen wollte, dass ich einen eigenen Kleidungsgeschmack entwickelt hatte und schon mit 15 Jahren als Mofarocker keine Pullunder mehr tragen wollte. Nein, Oma, weder einfarbig, noch mit Karomuster. Nein, Oma, wirklich nicht, vielen Dank.
Um diesen regelmäßigen Diskussionen und den Pullundern zu entgehen, besprach ich mich mit meinen Eltern und wir sagten Oma gemeinsam, dass es besser wäre, dem Jungen lieber das Geld zu schenken, was der Pullunder gekostet hätte.

Tja, da begannen goldene Zeiten für mich, denn Oma legte auf das Geld, was der Pullunder gekostet hätte, immer eine ordentliche Schippe obendrauf. Und dazu gab es dann auch immer noch etwas zum Naschen, meist etwas aus ihrer Naschwerksammelschublade. Da kamen immer Pralinengeschenke anderer alter Leute hinein, die wiederum diese Pralinen auch aus ihrer Schublade hatten, in der sie Pralinengeschenke anderer alter Leute sammelten und so weiter.
Manchmal hatte ich aber auch Glück und Oma hat extra was für mich gekauft, von dem sie glaubte, ich mochte es, was auch manchmal stimmte. Solche Sachen kaufte sie als Vorrat, wenn sie im Sonderangebot waren.
So erhielt ich bereits zu einer Zeit lagerungsbedingt weißlich verfärbte Schokolade, als es noch gar keine weiße Schokolade im Handel gab.

Aber zurück zum Geld. Das Besondere an Omas großzügigen Geldgeschenken war, dass Oma eigentlich gar nicht viel Geld hatte. Sie hatte eine gewisse Summe auf der Bank, die von ihr über viele Jahre harten Arbeitslebens zusammengespart wurde und durch einen kleinen Teil Lebensversicherungsauszahlung ergänzt worden war, aber dieses Geld wurde viele Jahrzehnte nicht angerührt. Notgroschen eben. So lebte sie von einer äußerst mickrigen Rente, denn sie hatte Zeit ihres Lebens als „Zugehfrau“ und Putzfrau gearbeitet, was ihr nicht viel Geld einbrachte. Zumal vieles von dem Geld von ihrem Mann, meinem Opa, in Alkohol investiert wurde.
Er kam als Kriegsheimkehrer sein Leben lang mit seinen Erinnerungen an die russische Gefangenschaft nicht zurecht und betäubte sich mit Schnaps. Er starb früh und hinterließ kaum gute Erinnerungen an ihn in uns allen. Und meiner Oma nur eine kleine Witwenrente, da er früh schon seine Jobs verlor und nicht mehr arbeiten konnte.

Oma hatte auch böse Erinnerungen an den Krieg, aber sie hatte keine Zeit für Alkohol, sie musste arbeiten. Harte Arbeit auf dem Land. Den Bauern, die sie bezahlten, die Wäsche waschen, Essen kochen, putzen, auf dem Feld helfen, eben die Arbeit einer Haushaltshilfe und Landarbeiterin. Um genug Geld zu haben, hatte sie mehrere Arbeitsstellen, das hielt sie fast bis zu ihrem Tod so. Ja, und dann hatte sie auch noch zwei Töchter großzuziehen. Sie zog diese Töchter mit harter Hand groß, streng und mit Schlägen, wenn es ihrer Meinung nach sein musste. Das war damals leider noch üblich, auch in der dörflichen Volksschule, auf die meine Mutter und Tante gingen, wurden Schüler noch vom Lehrer gezüchtigt, wenn sie nicht spurten.

Ich habe die harte Hand meiner Oma in meinem ganzen Leben nie zu spüren bekommen. Ich hatte alle erdenklichen Enkelprivilegien. Ich durfte auch mal frech sein. Dann gab es von ihr ein strenges „Na, na, na! Nu is abba gut, Jung!“ und das reichte auch. Ich wollte Oma ja nicht allzu sehr verärgern.
Ich erinnere mich an viele gute Tage mit Oma. Wie wir in ihrem kleinen Garten rohe Erbsen naschten. Wie ich ihr begeistert eine bestimmt fünf Kilo schwere Kröte (na gut, ich war noch klein, sie war vielleicht etwas leichter in Wirklichkeit. Vier Kilo oder so.) unter die Nase hielt und sie sehr tapfer ihren Ekel hinunterschluckte und sagte „Och, die ischa man groooß, Jung. Nu musstu die abba fix torückbringen, von wo du die herhast, da ist irgendwo ihre Familie. Sonz wird die gaaanz unglücklich.“ Immerhin, solche Aussagen, in Angst getroffen, lehrten mich Respekt vor Tieren und den Gefühlen, die sie ja ganz offenbar haben mussten. Wenn Oma das schon sagt.

Egal, was ich für Probleme hatte, zu Oma konnte ich immer kommen. Pubertätsprobleme mit den Eltern? Oma hatte Verständnis. Die Eltern wollen mir den Motorradführerschein nicht zahlen? „Oha, du willz Motorrad fahren? Dat is doch gefääährlich! Na sowat. Hier hast du zweihundert Mark, die gebich dir zum Führerschein druffzu. Aber du daafs nich rasen mit dem Motorrad, ne?“

Einige Jahre vor ihrem Tod, als sie immer mehr Probleme mit ihren Knochen bekam (Oma, du hast Osteoporose, damit musst du zum Arzt – Achwat, son Tüdelkram, Ossoporohse. Ich tu hier son Pferdefett auf die Knie, reib das orntlich ein, denn geiht dat uck wedder), chauffierte ich sie manchmal umher oder kaufte für sie ein. Bescheidene Essensvorräte, großzügige Toilettenpapiervorräte, mehr wollte und brauchte sie nicht mehr. Manchmal Medikamente. Und „son Pferdefett“.

Die letzten Jahre verfiel sie zusehends. Am meisten machte ihr zu schaffen, dass sie nicht mehr gut spazieren gehen konnte.
Sie wehrte sich lange gegen einen Rollator. Als er dann doch da war, kam sie nochmal etwas in Schwung. Besonders deshalb, weil sie sich partout weigerte zu lernen, dass das Ding auch Bremsen hatte, die sie hätte benutzen können. „Dat geiht schon, Jung, nu lass mich man“ war ihre Devise. Ich erinnere mich an einen Besuch in einem Geschäft mit einer Rampe. Meine inzwischen osteoporosebedingt o-beinige, kleine Hutzeloma hoppelte diese Rampe mit hoher Geschwindigkeit hinter ihrem Rollator hinunter, während ich panisch auf der Treppe nebenherlief und versuchte, ihrer Raserei Einhalt zu gebieten.
Als wir beide unbeschadet unten ankamen, lachte sie und sagte „Hui, dat gingscha man fix!“

Sie starb im Krankenhaus. Nach einer Knie-OP, die sie so gerne machen lassen wollte, damit sie wieder spazieren gehen könnte. Ihr altes Herz hat die Strapazen nicht mehr mitmachen wollen und blieb einfach stehen.

Als ich sie das letzte Mal sah, hatte ich ihr Einkäufe gebracht, das Geschirr abgewaschen und die Küche gewischt, während sie mir mit ihrem Gehstock vor dem Gesicht herumfuchtelte, um mir zu zeigen, wo genau ich wischen sollte.

Ich bin bis heute dankbar für die Zeit, die ich mit ihr verbringen konnte. Für die Dinge die sie mich lehrte. Für ihre unendliche Großzügigkeit und ihr Verständnis für all meine verrückten Ideen und Aktionen. Für ihren Humor, den sie bis zum Schluss hatte (Oma, du machst mir die Haustür nur in Unterhemd und Unterhose auf?? – Ja wat denn, Jung, dat ischa man auch waaahm heute, ne?) und für das dazugehörige Schmunzeln, dass sie nur bei mir zeigte.

Meine Oma ist in Pommern großgeworden, sie lebte dort in ärmlichen Verhältnissen. Ihre leibliche Mutter starb früh, so dass Oma schon als Kind im Haushalt helfen musste. Ihr sowieso schon schweres Leben wurde durch den zweiten Weltkrieg nicht leichter, und im Januar 1945 noch viel schwerer, als sie nur mit ihrer Kleidung und einem einzigen Paar Schuhe aus ihrem Heimatort von russischen Soldaten vertrieben wurde. Sie und der Rest der Dorfbewohner mussten flüchten. Alte Menschen und spärliches Hab und Gut wurde auf Pferdewagen geladen, alle anderen mussten neben dem Pferdewagen herlaufen. Es war eisigkalt und der Weg war lang. Sie liefen Tag und Nacht, Menschen starben. Es war eine einzige Tortur. Sie führte nach Schleswig-Holstein, dort erfuhren sie, zu welchen Dörfern sie gehen mussten, um dort unterzukommen. Es gab keine Flüchtlingsunterkunft, sie mussten einfach immer weiterlaufen. Als sie endlich in dem zugewiesenen Dorf ankamen, waren die Meisten mehr tot als lebendig. Auch die Pferde vor den Wagen. Sie brachen zusammen und starben an Ort und Stelle aufgrund der Strapazen.

Meine Oma überlebte den Flüchtlingstreck. Sie wurde auf einem Hof untergebracht, auf dem sie arbeiten sollte und dafür Essen bekam, irgendwann auch ein wenig Geld.

Auf ihre psychische und physische Verfassung wurde keine Rücksicht genommen, nach Kriegsende hatte man dafür keine Zeit. Sie musste tun, was alle anderen auch taten. Arbeiten. Sie kämpfte sich also durch, wie viele andere auch.

Wenn sie das nicht getan hätte, wenn sie nicht aufgenommen worden wäre, ihr niemand geholfen hätte, dann wäre ich heute nicht hier. Ich würde nicht hier sitzen und über sie schreiben, an sie denken und dabei lächeln.

Meine Oma war ein Flüchtling. Keine Reisende, keine Auswanderin, keine Schmarotzerin.

Die furchtbaren Umstände eines furchtbaren Krieges zwangen sie, zu gehen, ihre einzige Heimat, die sie bis dahin kannte zu verlassen. Eine Rückkehr war nicht möglich, in ihrem Zuhause hatten nun andere das Sagen.

Sie kam mit nichts als ihrer Kleidung auf dem Leib und ihren Erinnerungen. Ihr wurde Unterkunft und Essen gegeben, nicht mehr aber auch nicht weniger, dafür arbeitete sie fleißig und hart. Bis zu ihrem fünfundsiebzigsten Lebensjahr, bis die „Ossoporohse“ es nicht mehr zuließ.
Ihre Töchter sind beide wohlgeraten und ebenfalls fleißig.

Und ihr Enkel sitzt hier, versucht, sich die Tränen zu verkneifen und wünscht sich, dass man bitte anderen Flüchtlingen, die alles verloren haben, auch hilft. Ihnen Unterkunft und Essen bietet und so ihre Leben rettet.

So wie der kleinen, hutzeligen Frau, die in seiner Erinnerung immer noch über all seine verrückten Ideen schmunzelt.

 

Epilog:
Meine Eltern, meine Frau und ich spenden Geld, was wir erübrigen können, wir geben Kleidung und Gebrauchsgegenstände an entsprechende Einrichtungen in unserer Nähe, der Vater meiner Frau hat in seinem großen Haus eine geflüchtete Frau und ihr Kind vorübergehend aufgenommen.
Vielleicht können Sie auch irgendetwas für Menschen tun, die ihre Heimat hinter sich lassen mussten.
Falls Sie nicht in der Lage sind, zu spenden, so teilen Sie einfach anderen mit, warum Sie für die Aufnahme von Menschen ohne Heimat und Besitz sind, auch das kann eine Hilfe sein. Schweigen Sie nicht. Und bitte werden Sie kein „besorgter Bürger“, bitte zünden Sie keine Unterkünfte für Hilfsbedürftige an.
Achten und respektieren Sie Ihre Nächsten.

Jetzt lernen Sie meine Oma kennen – und meine Meinung.

Kinderfeindliches Land? Mütterfeindliches Land!

Kinder sind unser aller Zukunft, Kinder können großartige Persönlichkeiten sein, Kinder können unfassbar Spaß machen und den eigenen Blick auf die Welt verändern und erweitern.
Insbesondere, wenn Eltern die Kunst beherrschen, ihre Kinder gut zu erziehen und zu leiten, zu fördern, ihnen ausreichend Freiraum zu lassen, sie Mensch werden und sein zu lassen. All das.

Als Nichtvater darf ich mich wohl kaum über jene erheben, die ihre Kinder nicht erzogen bekommen, weil ich ja keine Ahnung davon habe. Nun. Auf den ersten Blick mag das stimmen. Aber ich war tatsächlich, man wundert sich, selbst einmal Kind. Und ich habe Eltern. Und Erinnerungsvermögen. Und ich kenne Eltern und alleinerziehende Mütter (einige von ihnen haben einen Partner oder eine Partnerin), die es teils sehr gut hinbekommen, teils nicht so gut. Wenn man mit ihnen spricht und sie im Zusammenleben mit ihren Kindern beobachtet, weil man sich für seine Mitmenschen interessiert, bekommt man eine ungefähre Vorstellung davon, wie es zu dem einen oder anderen Erziehungsergebnis kommt.
Sicherlich gehen mir und anderen Menschen mies erzogene Kinder auf die Nerven, und sicherlich wäre eine bessere Erziehung oft möglich, wenn beide Partner, so denn zwei vorhanden sind, und alle anderen Menschen aus der Umgebung des Kindes, die genauso mitverantwortlich für dessen Erziehung zeichnen, an einem Strang ziehen würden. Da allerdings hapert es eben häufig. Verschiedene Ansichten und Methoden, Alleingänge, mangelnde Absprachen untereinander.

Aber wer bekommt letztlich von der Gesellschaft die Alleinschuld?
Die Mütter.

Bevor jetzt die Väter, die statt der Mutter zu Hause geblieben sind, um das Kind großzuziehen, vorwurfsvoll aufmerken, dass es sie ja wohl auch gibt, möchte ich gleich dazu sagen, dass sie zum einen statistisch nicht so sehr ins Gewicht fallen, als dass ich sie hier ständig extra erwähnen müsste, und zum anderen werden diese Väter allein schon wegen des Geschlechts von der Gesellschaft nicht annähernd so behandelt wie Mütter. Den Vätern wird auch einfach vieles verziehen. Dazu weiter unten im Text mehr.

Also die Mütter.

Eine unfassbar große Last ruht auf den Schultern der Mütter. Damit ist nicht nur das zappelnde Kind gemeint, das ihnen gut gelaunt klebrige Bonbons ins Haar einarbeitet, sondern die Beurteilung durch unsere Gesellschaft. Und die wiegt so viel schwerer, als jedes auf den Schultern getragene Kind.

Immer noch wie zu Urzeiten davon ausgehend, dass die Mütter für das Glück oder Unglück ihrer Kinder ganz allein verantwortlich sind, egal ob und wieviel der Kindsvater dazu beiträgt, ist die Gesellschaft mit wachem Fensterrentnerauge überall dabei und beurteilt die mütterlichen Leistungen.
In Sachen Erziehung, Ernährung, Bildung, artgerechter Haltung in Haus und Garten oder Wohnung und Balkon.
Wo die Mutter geht und steht und wickelt und kocht und wäscht und und und, immer hat sie die gesellschaftliche Zeugnisvergabe im Nacken.
In diesem Zeugnis werden ihre Leistungen in allen Belangen ihres Lebens mit Kind aufgeführt.
Und noch dazu natürlich ergänzend ihre Leistungen als Partnerin. Und als Tochter. Genau, das ja auch noch. Angefangen von „Wie gut entspricht sie den elterlichen Erwartungen“ bis hin zum Extremfall Pflege. Denn immer noch ist es beispielsweise die Regel, dass von den Töchtern einer Familie erwartet wird, dass sie sich später einmal um ihre Mutter oder ihren Vater kümmern, falls sie Hilfe benötigen und nicht reich genug sind, sich Rund-um-die-Uhr-Pflege leisten zu können. Die unglaublich teuer ist. Aber das nur nebenbei.

Also Mutter, Partnerin, Tochter. Ach ja, dann kommt natürlich noch die berufliche Leistung dazu.
Denn so ganz ohne Arbeit, das können sich Durchschnittseltern bei den heutigen Anforderungen unseres hochmodernen, durchtechnisierten und von permanenter, bedürfniserzeugender Werbung begleiteten Lebens kaum noch leisten. Ohne Arbeit passiert meist eher unfreiwillig und endet dann gern in Hartz-IV-stigmatisierter Armut, die von großen Teilen der Restbevölkerung gern als Selbst-Schuld-Phänomen betrachtet wird.

Also geht Frau auch noch arbeiten. Zusätzlich zu ihrem Job als Mutter, Partnerin und Tochter.
Und ja, je nach Grad der Lebensfähigkeit und Eigenständigkeit des Lebenspartners ist auch Ehefrau oder Partnerin sein ein anstrengender Job. Ich weiß das, ich bin Ehemann. Ich mühe mich wirklich sehr, aber Arbeit mache ich meiner Frau doch immer wieder mal.

Wenn nun also die Mutter arbeitet, muss sie sich aber auch postwendend einiges anhören. Vielleicht noch nicht so viel, wenn sie in Teilzeit arbeitet, das wird akzeptiert, sogar gewollt, das ist ganz brav. „Nur Hausfrau“ ist ja auch nicht das Wahre, wirkt eventuell faul. Und bei Teilzeitarbeit hat sie noch genug Zeit für die Kinder. Aber wehe, wehe, sie geht ganztags schuften. Tja, da hat sie im Prinzip direkt verloren, selbst wenn sie keine Karrierefrau mit Managementambitionen ist. Ganztags arbeiten? Kommt da nicht das Kind zu kurz, der Partner und der Haushalt? Das muss ja alles geregelt sein, wie soll das gehen? Dann darf sie sich nicht wundern, wenn ihr eines Tages womöglich der Partner wegläuft. Oder das Kind nicht so recht gerät.

Aber hier werden zugunsten der Mutter auch mal Abstriche in der Notenvergabe gemacht. Wenn der Partner nicht genug verdient, zum Beispiel. Da hat die Mutter natürlich ein schlechtes Händchen bei der Partnerwahl gehabt (Sie merken schon, auch hier schwingt eine gewisser Vorwurf in Richtung der Frau mit).

Ganztags arbeitende Frauen also, die muss man besonders genau im Auge behalten, sagt sich die Gesellschaft, und erhöht ein klein wenig den Druck.
Aber der ist nichts gegen den Druck, den die Urteilfäller erst ausüben, wenn die Mutter sogar Karriere machen will.
Das. Geht. Gar. Nicht.
Karriere und Kind? Nein. Rabenmutter. Ganz klar. Egal, wie gut das Kind von Nannys, Kitas, Babysittern, Verwandten und der Mutter selbst versorgt wird, es kann nur schiefgehen. Egal, was das Kind dann jemals für Schwierigkeiten macht oder bekommt, es liegt an der Rabenmutter, die es quasi nackt im Dschungel aussetzte und darauf hoffte, die Gorillagruppe werde es schon irgendwie großziehen.

Ähnlich verhält es sich mit Müttern, die Karriere machen möchten, und das Kind dem Papa überlassen, der seine Karriere hintanstellt. Neben der Tatsache, dass dieser Papa sich von seinen eigenen Geschlechtsgenossen automatisch gefallen lassen muss, dass er jetzt doch irgendwie ein bisschen der Softie ist, der seinen Mann karrieremäßig nicht so ganz richtig steht, ist die Mutter auch hier wieder die, die ihr Kind im Stich lässt.
Denn das Kind gehört zur Mutter. Der Papa ist vielleicht ganz lieb und bemüht, aber nichts geht doch über die Mutter beim Kinde, die ist unersetzlich. Männer sind dem Volksglauben nach einfach nicht ausreichend fähig. Und wenn da nämlich etwas mit dem Kind nicht on top ist, dann hat natürlich die Mutter gefehlt. Da hat der Papa meist Glück, ihm wird verziehen, weil er das ja schon von Natur aus gar nicht so gut können kann. Biologie, wissen Sie?

Der Meinung scheinen ja übrigens auch jene Politiker zu sein, die sich „unwohl“ dabei fühlen, zwei Vätern die Aufzucht von Kindern gesetzlich abgesichert zu erlauben. Zwei Frauen, naja, vielleicht noch so gerade, aber zwei Männer? Muss das sein? Ist da nicht das Kindeswohl in Gefahr, wenn so gar keine Frau im Haushalt ist?

Aber zurück zur Mutter. Neben der geächteten Rabenmutter haben wir da ja noch die sogenannte Helikoptermutter.
Ist es nicht schön, dass unsere Medien oder auch wir selbst immer ganz fix ein negativ belegtes Schubladenwort parat haben, sobald uns etwas querkommt?
Die Helikoptermutter also, die ständig um ihr Kind kreist und alles, aber auch wirklich alles für es tut. Das Kind wird überbeschützt, überversorgt, verhätschelt und so für die Gesellschaft unbrauchbar gemacht, weil es keine Chance hat, ein selbständig handelnder und denkender Mensch zu werden.

Nun, es mag extreme Fälle geben, ganz sicher. Aber wo fängt das Extrem an? Und ich muss hier ehrlich zugeben, dass ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ob ich nicht auch zum Helikoptern neigen würde, hätte ich ein Kind.
In einer Welt wie der unseren besteht die Gefahr zwar nicht aus Drachen oder anderen wilden Tieren (und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit den Wölfen, die bei uns einwandern. Informieren Sie sich und erfahren Sie, wie verschwindend gering die Gefahr ist, die von diesen scheuen Tieren ausgeht. Und ziehen Sie ihrem Kind kein rotes Käppchen auf.), aber sie ist dennoch voller Gefahren.

Die Gefahr geht in beinahe jedem Fall vom Menschen aus. Wo man einst den Kindern nur beibringen musste, dass der Baum, auf den sie klettern, nicht zu hoch und morsch sein sollte und welche Beeren und Kräuter sie in Wald und Flur nicht essen dürfen, wenn sie nicht anschließend viele Stunden auf der Toilette verbringen möchten, muss man heute schon etwas mehr leisten.
Rücksichtslose Autofahrer, giftiges Spielzeug aus China, mobbende Mitschüler, sämtliche Gefahren aus dem Internet, um nur einige wenige und dennoch umfangreiche Gefahrenquellen zu nennen. Von der Gefahr aus den eigenen Reihen, wenn beispielsweise der Opa väterlicherseits die Enkeltochter für seine kranken sexuellen Wünsche benutzt, will ich hier gar nicht erst anfangen.

Ich würde mein Kind, mein eigen Fleisch und Blut, mit Sicherheit beschützen wollen vor all diesen Gefahren. Und ich würde es auf die mir richtig erscheinende Weise, möglichst ohne große Beschädigungen zu erleiden, durch den Lebensslalom mit all seinen schwierigen Haarnadelkurven und Hindernissen lenken wollen. Weil ich mir der Gefahren bewusst bin. Und ich würde wollen, dass mein Kind bestmögliche Startchancen ins Leben von mir mitbekommt.
Ich weiß nicht, wie weit ich gehen würde, oder wie viele Freiheiten ich dem Kind lassen könnte, ohne vor Sorge grüne Pusteln zu bekommen. Ja, vielleicht wäre ich ein Helikopterpapa, wer weiß.

Was die Helikoptermütter angeht aber, so möchte ich doch einmal ganz deutlich sagen, dass mir jedes noch so helikopterige Elternteil lieber ist als jene, die ihr Kind vernachlässigen, verwahrlosen lassen oder misshandeln.
Eine Freundin von mir arbeitet in einem Jugendamt und weiß (ohne mir Namen oder genaueste Einzelheiten zu berichten) haarsträubende Geschichten zu erzählen, die alle so furchtbar wie wahr sind.
Und die Menge der Fälle, die diese Freundin und ihre Kollegen zu betreuen haben, ist erschreckend groß und wächst immer weiter. Und so groß, wie diese Menge ist, so gering ist die Unterstützung, die unser Staat an dieser Stelle bereit ist, zu leisten. Die Zustände sind, gelinde gesagt, katastrophal.

Aber das wollen wir ja offenbar alle nicht so gerne sehen, das ist so ein schweres Thema, ein scheinbar unlösbares Problem. Viel lieber hacken wir also auf den sogenannten Helikoptermüttern herum. Nun. Wie gesagt, es gibt ungesunde Extremfälle, aber bitte, lassen wir doch dieses allgemeine Müttergebashe. Es ist unsäglich und halbwegs gebildeter und reflektiert denkender Menschen nicht würdig.

Genauso wenig übrigens, wie Männern die Fähigkeit generell abzusprechen, mit Kindern umgehen zu können. Sie können es ebenso gut wie Frauen. Denn Frauen wissen auch nicht alles automatisch mit der Geburt eines Kindes. Sie müssen das auch erst lernen. Und lernen, das können Männer auch. Und sind mit Baby im Arm oder Kind an der Hand nicht weniger Mann, als ohne. Im Gegenteil, wenn Sie mich fragen, aber ich bin da natürlich nicht ganz objektiv.

Aber weg von den Männern, und nochmal zurück zur Rabenmutter wegen Karriere, Helikoptermutter wegen des Zuviels an Kümmerung, was war da noch? Richtig, die Alleinerziehende. Hier liegt aus Sicht der Gesellschaft ja auch immer noch so einiges im Argen.

Schuld daran hat auch hier in der Regel die Mutter selbst. Da kann sie machen und sagen, was sie will, alleinerziehende Mutter zu sein ist nach wie vor ein Makel. Das gehört so nicht, auch hier ist das Kind nicht Kind sondern Leidtragende oder Leidtragender. Das spürt das Kind auch. Beziehungsweise bekommt es zu spüren, und zwar von der Gesellschaft, die es ihm einredet, es so behandelt, die Mutter in seinem Beisein zurechtweist.

Nicht zuletzt auch auf finanziellem Wege, denn Alleinerziehende werden vom Staat schlicht im Stich gelassen, an dieser Stelle entspricht der Staat den Ansichten der Gesellschaft.
Sollen sie doch sehen, wie sie klarkommen. Sollen sie sich halt einen Mann suchen, man kann sich ja mal anstrengen und die Ansprüche nicht so hoch schrauben.
Ja, die alleinerziehende Mutter wird schon irgendwie Mist gebaut haben, in irgendeiner Form, sonst wäre sie ja jetzt nicht allein. Aber sie darf es wieder in Ordnung bringen. Nur eben allein. Ganz allein. Hätte sie sich ja schließlich vorher überlegen können. Und jetzt sitzt sie da, hat das Kind oder gar mehrere und die haben es nun natürlich nicht gut.

Soweit nur einige der Vorurteile und Verurteilungen bezüglich Alleinerziehender. Das könnte ich hier noch endlos fortsetzen.

Aber keine Sorge, das mache ich nicht.
Das machen Sie bitte selbst, mit dem Ziel, eigene Vorurteile und Irrtümer abzubauen.

Gehen Sie hinaus, ganz egal, ob sie Frau oder Mann sind, arm oder reich, selbst Kinder haben oder nicht. Gehen Sie und sehen Sie sich mit wachem Auge an, wie Mütter behandelt werden und achten Sie darauf, wie Sie selbst über Mütter sprechen und sie behandeln.
Sprechen Sie mit ihnen ruhig mal darüber, fragen Sie sie nach den alltäglichen Problemen und der Anerkennung, die sie für ihren so wichtigen Beruf als Mutter bekommen.

Es ist natürlich wichtig und wird immer wichtiger, gut zu beobachten, ob es irgendwo einem Kind wirklich schlecht geht. Und im Falle eines Falles zu helfen.

Aber immer und zu jeder Zeit alle Mütter unter eine Art Generalverdacht des Versagens zu stellen, sie permanent unter Druck zu setzen, das ist auch nicht der richtige Weg und unserer ach so fortschrittlichen Gesellschaft nicht würdig.

Mütter sind nicht Kraft ihres Amtes Heilige. Das ist ein Anspruch, an dem sie nur zerbrechen können.

Aber Blitzableiter für unsere Unzufriedenheit mit der Gesellschaft, in der wir leben, das sind sie auch nicht.

Kinderfeindliches Land? Mütterfeindliches Land!

Es stürmt im Netz. Muss der Klimawandel sein.

An manchen Tagen ist das Internet einfach nicht zu gebrauchen. Außer vielleicht noch zum Shoppen. Oder um fachspezifische Informationen einzuholen, die nichts mit Politik zu tun haben, irgendetwas Technisches vielleicht.
Aber an Tagen, an denen politische Entscheidungen und Entwicklungen anstehen, an Tagen, an denen Nachrichten von Kriegen, Flüchtlingen, Länderpleiten etc. durch die Medien in jeden noch so feinen Haarriss des Internets gespült werden, an jenen Tagen wird’s ungemütlich.

Als wären die Nachrichtenflutwellen allein schon nicht anstrengend, furchtbar und emotional auslaugend genug, kommen heute grundsätzlich noch hunderte, tausende Kommentare jener Menschen hinzu, die sich berufen fühlen.
Berufen, auch ein wichtiger Mitspieler zu sein. Auch etwas Wichtiges zu sagen zu haben.
Wichtige Blogger, wichtige Twitterer, wichtige Facebooker, wichtige Wasauchimmers. Wichtig. In jedem Fall.

Weil man es sonst nicht ist. Den Kollegen an der Arbeit, den Katzen beim Homeoffice, dem Fleischereifachverkäufer beim Einkaufen – natürlich kann man denen auch alles erzählen.
Im Idealfall (bei den Katzen) hören sie zu, vielleicht antworten sie (beim Fleischereifachverkäufer darf’s etwas mehr sein) sogar oder diskutieren mit einem (Diskussionen mit den Kollegen, naja, man will deren womöglich abweichende Meinung gar nicht hören).

Aber im Internet, da wird’s erst so richtig toll, weil es da so schön viel Publikum gibt. All diese Menschen, die einen lesen können, wow, das flasht erst so richtig. Egal, ob das eigene Gedankenerbrochene qualitativ wirklich hochwertig und gut lesbar ist, oder ob es eher etwas gleicht, was Hunde am Wegesrand auflecken, ganz egal, es wird reagiert. Zig „Gefällt mir“, drei- oder gar vierstellige Favanzahl auf Twitter, womöglich ein vielfach geteilter Blogeintrag (das ist ja quasi der Ritterschlag zum Qualitätsjournalisten, könnte man nach dem Gehabe einiger BloggerInnen meinen).
All das garantiert Beachtung und vermeintliche Bedeutung. Ja, du und deine Meinung bedeuten, sagen die Favs und Gefälltmirs. Zustimmende Replies und Kommentare unterstreichen deine Wichtigkeit.

Und wenn du so richtig viele Follower auf Twitter hast, ja, das ist der Hauptgewinn. Da kannst du einen Shitstorm starten. Mit oder ohne Hashtag. Aber mit Hashtag ist es effektiver. Da erreichst du sie alle, die Zustimmer, die Mitläufer ohne Sinn und Verstand.
Da wird nicht reflektiert, nicht überlegt, nicht recherchiert. Wahrheitsfindung wird nicht nur ganz klein geschrieben, nein, sie wird geradezu aktiv verhindert. Die Wahrheit ist aber auch oft so trocken und emotionslos. Blinder Aktionismus, ja, das ist es. Das macht einfach Spaß, da ist Dynamik und Thrill pur am Start.
Einfach draufloskommentieren, faven, gut finden. Und natürlich selbst Schmähschriften, Beschimpfungen und diese ach so witzigen Tweets verfassen, das ist so schnell gemacht.

Und wer es bunter mag, nimmt sich ein Bildbearbeitungsprogramm der einfachsten Art und macht Sprechblasenbildchen zum Thema oder kritzelt gar noch auf Papier irgendetwas zusammen und postet es als Foto, malt Hitlerbärtchen, es gibt keine Grenzen mehr. Mitmachen um jeden Preis. Und der ist gering bis gar nicht vorhanden. Alles, um zu bedeuten oder um Hass oder einfach nur miese Laune loszuwerden.

Worum es geht? Fast egal. Irgendwas mit Griechenland, mit Merkel, mit Flüchtlingen, ir-gend-was. Was immer so auf dem Weg der emotionalen Entrüstung liegt und den Mob anzusprechen vermag.
Sachliche Debatte? Echte Informationen? Gar brauchbare Problemlösungsvorschläge? Sorry, ihr bleibt auf der Strecke. Das müsst ihr verstehen, ihr seid langweilig, geht weg.

Nein, die emotionale Ebene, die, mit der man Facebookfreunde oder Follower akquirieren kann, unendlich viel kritiklose Zustimmung sammeln und sich auf seine innere Heldentapete pinseln kann, das ist die Ebene, auf der das Leben tobt.
Ja, und endlich bedeutet man.
Dort.
Am virtuellen Stammtisch.
Als Parolenschwinger. Mit Bier im Schlund und Endgerät in der Hand als Zepter vermeintlicher Macht, mit erhobener Netzstimme, sich hysterisch überschlagend, laut, unsympathisch, unappetitlich.

Der Klimawandel ist im Internet angekommen, rechnen Sie mit Stürmen. Jederzeit.

Es stürmt im Netz. Muss der Klimawandel sein.

Sehen Sie auch überall Experten?

Es ist doch so: Überall begegnet man Experten. Gerade in Zeiten von Kriegen, Krisen und allem anderen, wofür sich Menschen gerade aktuell so interessieren. Wann und wo immer etwas passiert, passiert auch gleich der passende Experte. Und das ist auch gut so. Denn ohne Experten wüssten wir ja gar nicht, was wir so denken und meinen sollen. Was wir schließlich zu jedem Thema sollten. Vor allem eigentlich denken, aber letztlich ist das Meinen viel wichtiger. Wirklich. Lassen Sie das mit dem Denken, das hat Folgen. Aber das Meinen, das ist eine gute, einfache Sache. Macht ja schließlich auch jeder.
Und dafür brauchen wir die Experten, die uns so zahl- und hilfreich zur Seite stehen, damit wir eine Meinung haben können, mit der wir wiederum unsere sozialen Kontakte pflegen und vertiefen. Oder abbrechen. Jeder wie er eben meint.

Wie erkennt man aber eigentlich einen Experten? Oder ist man gar selbst ein Experte? Ja, da sind Sie überrascht, nicht wahr? Nein? Sind Sie nicht? Sie sind bereits ein Experte? Toll! Jetzt wäre noch interessant, worin Sie Experte sind. In allerlei verschiedenen Bereichen, sagen Sie? Das ist aufregend. Viele verschiedene Bereiche und direkt Experte darin sein. Ein Traum. Hoffentlich melden Sie sich auch immer zeitnah, eloquent und objektiv zu Wort, falls irgendwo ein Experte gebraucht…ach ja, machen Sie? Wo, wenn ich fragen darf? Ach, auf Facebook. Na, das ist allerdings…auf Twitter auch? Klar, doppelt hält besser. Was macht Ihren Expertenstatus denn eigentlich aus? Aha, Sie wissen viel. Weil Sie sich gut informieren. Soso.

Es wird sich gut informiert, und schon ist man Experte. Nun beleuchten wir doch mal dieses „Informieren“. Wie und wo genau informieren sich all die Experten? Ich habe hier einmal repräsentativ drei verschiedene Expertentypen ausgewählt.

 

Expertentyp I

„Na, ick lese Zeitung, wa? Jeden Tach auffem Wech zur Aabeit und ooch inne Pause lesick die BILD, bis ahmds krich ick die durch. Und Radjo, Radjo hörnwa ooch, die Kollejn un icke. Und wia diskutiern ooch allet. Dis-ku-tiern, wissense? So wird det allet jut jemischt, weil ja jeder wat weeß. Und denn weeß ick nachher janz schön wat.“

Das ist doch schon mal sehr, sehr schön. Und wenn dann dieser Mensch seine Expertenmeinung im „Intanett“ mitteilt, sind wir mit unserer Meinungsbildung schon einen großen Schritt weiter.

 

Expertentyp II

„Nun, ich habe den `Poppenbüttler Anzeiger´abonniert und sehe mir täglich die Tagesschau an. Und wenn mich ein Thema besonders interessiert, dann schau ich auch schon mal eine Dokumentation darüber. Auf einem öffentlich-rechtlichen Sender natürlich.“

Natürlich. Denn nur so und nur dort findet man die richtigen Informationen, um sich einen gewissen Expertenstatus zu erarbeiten. Und sich eine facettenreiche, fundierte Meinung zu bilden, die man dann uns anderen, die dazu gewiss nicht in der Lage sind, hilfreich und eilfertig mitteilen kann.

 

Expertentyp III

„Ich lese die Zeit, die Welt, die Süddeutsche. Dazu den Stern, den Spiegel, und die Geo, und zwar regelmäßig. Ich sehe mir sehr viele verschiedene Dokumentationen an und bemühe mich, mit Menschen zu kommunizieren, die mit der jeweiligen Thematik unmittelbar konfrontiert sind. Ich mache schon mein Leben lang Reisen in die ganze Welt, damit ich weiß, wie es überall WIRKLICH aussieht. Und bevor ich mich mit einem Thema nicht bis ins letzte Detail auskenne, dann äußere ich mich auch nicht öffentlich dazu.“

Na, hervorragend. Das ist ja schon quasi Note A+++ (oder wie ist die Höchstnote derzeit bei der Energieeffizienz von Waschmaschinen?).
Ich gebe zu, Expertentyp III ist mir von all den hier genannten, und diese Liste erhebt, wie gesagt, keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, noch der liebste. Obwohl diese Typen oft eine unangenehm riechende Sturheit an den Tag legen, wenn sie einem ihr mühsam erworbenes und daher selbstverständlich unumstößliches Wissen mitteilen. Aber nun gut, nobody is perfect, um mal einen Allgemeinplatz zu bemühen.

Was generell einfach am meisten nervt an all den Experten, die uns täglich, ja, minütlich mit ihrem wichtigen Wissen beglücken, ist die Tatsache, dass sie davon ausgehen, dass „die anderen“, also wir, geneigte Leserin, geneigter Leser, halt einfach kaum bis gar keine Ahnung haben. Und deswegen regelmäßig belehrt werden müssen. Damit wir mal auf Spur kommen. Und das Richtige meinen.

Denn, machen wir uns nichts vor, wir meinen eben meist nicht das Richtige. Weil man das ohne die Experten ja auch gar nicht kann.

Aber wissen Sie was? Seien Sie doch einfach auch ein Experte. Suchen Sie sich weiter oben im Text (den Sie bis hierher gelesen haben, großartig! Seien Sie sich meines Respekts ob Ihrer Geduld und Ihres Durchhaltevermögens gewiss.) einfach den Expertentyp aus, der Sie sein möchten und seien Sie einer.
Oder seien Sie ein anderer Expertentyp, von dem ich noch nichts weiß, den ich hier nicht aufgezählt habe. Erfinden Sie einfach den Expertentypus, der Ihnen einfällt, der zu Ihnen passt. Warum nicht? Experte sein ist heutzutage nicht mehr so schwer wie früher. Und macht bestimmt Spaß. Und es ist ja am End auch einfach ein schöner Titel.

Vielen Dank für Ihre Zeit, die Sie meinem Text schenkten. Er wurde von mir aus purer Faulheit nicht durchgegendert, bleiben Sie mir bitte trotzdem gewogen. Ich spreche mit meinen Worten natürlich auch alle Damen an, jedoch, das sei hier erlaubt zu sagen, sind die meisten Experten, wie ich sie hier meine, eher männlich.
Und das ist meine ganz persönliche Sicht. Ich habe da keine Zählung vorgenommen und geexceltabellt, das ist eine vollkommen subjektive Wahrnehmung.

Ich bin da halt kein Experte.

Sehen Sie auch überall Experten?

Über Tod, Twitter und diese Gefühlssache

Nach meinem, nun, ich nenne es mal Comeback auf Twitter und den Reaktionen darauf habe ich jetzt dieses Bedürfnis. Das Bedürfnis, zu erklären. Eigentlich bin ich nicht der Meinung, dass irgendjemand sich auf Twitter erklären müsste. Auch nicht, wenn er geht. Oder ankündigt, zu gehen. Oder ankündigt, zu gehen und dann doch bleibt. Und so wollte auch ich mich nicht erklären. Warum auch, sind ja alles irgendwelche fremden Leute.
Und zack!, da ist er schon, der Fehler. Weil, und das haben hier schon viele versucht, zu beschreiben, diese Leute dann nach einer gewissen Zeit eben doch nicht mehr irgendwelche sind. Auch nicht mehr wirklich so fremd. Es ist ein Gefühl. Twitter ist irgendwie ein Gefühl, und jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht in diese „Twitter ist…“ – Schiene abgleite, die mir als Tweet so manches Mal durchaus auf den Zwirn geht.
Also jedenfalls Gefühl. Sucht? Das mag je nach Definition sogar sein. Die Sucht nach Anerkennung und dem Gehörtwerden, die jeder Mensch so mit sich herumträgt, wird durch Twitter jedenfalls bedient. Vielleicht aber auch nur die Sehnsucht nach Menschen, die einen ähnlichen Humor haben, ähnliche Gedanken, die einen zum Lachen bringen, ohne dass man ihnen etwas bieten muss, wie zum Beispiel Snacks und Bier oder gar ein Sterne-Menü. Ganz zu schweigen von dem Aufenthalt in Haus oder Wohnung. Putzgott bewahre.
Aber ich schwafle vom Thema ab. Worum ging’s? Um mich. Klar.

Ich ging von einem Tag auf den anderen wegen eines Todesfalls. Wegen der Plötzlichkeit dessen und wegen meiner Gefühle. Und weil auf einmal die schöne, leichte und unterhaltsame Sinnlosigkeit Twitters für mich nur noch eine Sinnlosigkeit ohne Adjektive war.
Es kam mir nicht adäquat vor, einfach so weiterzutwittern, als wäre nichts gewesen. Und twittern über den Todesfall kam für mich auch nicht in Frage. Manche machen das und es ist okay, jeder wie er mag und kann.
Aber ich mochte nicht. Ich mochte mich nicht mal bei jenen Herztwitterern erklären, mit denen ich DMs tauschte, weil auch sie mir auf einmal wieder fremd und fern erschienen. Ich musste das eben mit mir ausmachen – und mit meiner Frau, der Familie und Freunden natürlich.

Der Abstand zu diesem Twitterding war gut, und gleich ganz zu gehen, das war auch gut. Einfach den Account so dort zu lassen, hätte vielleicht auch Nachfragen bedeutet, die ich nicht hätte beantworten wollen. Es hätte auch bedeutet, den Menschen die mir ganz gerne folgten, zu vermitteln, ich würde vielleicht wiederkommen. Und das wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht. Ich wusste nicht, ob die Sinnlosigkeit wieder diese schönen Adjektive bekommen würde.

Und dann schlich sich langsam die Sehnsucht an. Dann habe ich doch hin und wieder mal bei Twitter herumgelesen. Da gibt man einen Account bei Google ein, hat so die Twitteranmeldung umgangen und kann von dort aus alle andere Accounts lesen. Aber das wussten Sie längst. Ich Dummerle.
So jedenfalls hab ich einige Accounts dann immer öfter gelesen. Das Lieblingsgrübchen, den Gedankenbalsam und seinen Comicaccount, die Wertverstellung, die Akkordeonistin, Madame Himmelblau, Wiemenbluse und ach, all die anderen, ich kann sie hier gar nicht alle aufzählen. Denn aus kleinen, stichprobenartigen Besuchen wurden immer mehr und längere Phasen des Nachlesens und Stöberns. Und es wurde wieder spaßig.
Und da hatte die Sinnlosigkeit wieder ein Adjektiv.

Nun, letztlich wissen wir ja, wie die Sache ausging. Und weil sie ausging, wie sie ausging, schreibe ich das jetzt hier alles. Weil es so toll war, zurückzukommen. Ich hatte nämlich nicht erwartet, von doch recht vielen Twitterern und Twitterinnen einfach so ganz selbstverständlich wieder aufgenommen zu werden, dass sie mir wieder folgten. Sogar, wenn sie mich zuerst wiedergefunden hatten, bevor ich sie wiederfand, wozu ich erschreckenderweise bis heute brauche. Ich hatte keine Liste oder etwas Ähnliches gemacht und hatte somit nicht mehr alle der über 200 Namen im Kopf, denen ich vor meiner Löschung folgte. Von den Namensänderungen von einigen von Ihnen will ich gar nicht erst anfangen.
Und während ich diese Menschen nach meinem „Hier bin ich wieder“-Tweet auf Twitter zusammensuchte, kamen einige zu mir, ohne abzuwarten, ob ich ihnen folgen würde. Toll. Und einige freuten sich und schrieben mir das. Das war vielleicht schön, sage ich Ihnen. So ein warmes Willkommen, das tat sehr gut. Tja. So war das eben.

Ich finde, das sollten Sie wissen.
Weil es ein Gefühl ist. Ein richtig gutes.
Und ich hoffe, es bleibt noch eine lange Weile so. Auch bei Ihnen.

Kleinerdreiganzgroß.

Über Tod, Twitter und diese Gefühlssache