Unsere Medien, ihre Aufklärungspflicht, ihre Empathielosigkeit.

Nun ist es also schon so weit gekommen, dass ein Foto von einem ertrunkenen Kind im Netz die Runde macht. Es wird sich ganz unterschiedlich dafür gerechtfertigt, warum man dieses Foto teilt und meint, dass Menschen dies sehen sollten. Genauso wird sich auf der anderen Seite teils massiv und auch aus unterschiedlichen Gründen darüber empört, dass dieses Bild immer wieder veröffentlicht wird, inzwischen sogar mit einem Foto des Kindes anbei, auf dem es noch lebt.

Ich verlor einst meinen damals besten Freund durch Ertrinken. Er hatte sich in einem See in Ufernähe in Wasserpflanzen verheddert und konnte sich nicht allein befreien. Sein Leichnam wurde einige Tage von Tauchern gesucht, dann geborgen und ans Ufer gelegt.

In diesen wenigen Tagen hatte leider die örtliche Presse von der Sache erfahren und so trieb sich, für alle Beteiligten in höchstem Maße unangenehm, ein Fotograf dort herum und fotografierte, was immer er für interessant hielt. Die Geschichte landete dann auch in der Kleinstadtzeitung und fand aufgrund des Sommerlochs leider auch ihren Weg in die bundesweite Boulevardpresse und in das Regionalfernsehen. Die Geschichte wurde durch falsche Angaben und dreist dazufantasierte Details öffentlichkeitswirksam verramscht.

Das alles war absolut unerträglich für Freunde und Angehörige des Ertrunkenen. Es war furchtbar, von wildfremden Menschen auf das eigentlich so private Unglück plötzlich ganz öffentlich und zu jeder Zeit an jedem Ort angesprochen zu werden. Man drückte Mitleid aus, aber auch ganz unverhohlen Kritik am Verhalten des Toten, warum er denn dort allein geschwommen sei, das wäre ja nicht sehr klug gewesen, er sei ja dann auch ein Stückweit selbst schuld.

Sein am Ufer liegender Körper nach der Bergung wurde nicht fotografisch festgehalten und veröffentlicht, das konnte verhindert werden, indem dem Fotografen im Beisein zweier Polizisten mitgeteilt wurde, dass er von dem Toten keine Fotos machen dürfe.
Die Öffentlichkeit hatte auch ohne ein solches Bild genug über dieses Unglück erfahren, um zu kommentieren, zu urteilen oder auch zu helfen.

Die Chance, auf den Fotografen des im Internet inzwischen hinreichend geteilten Bildes des ertrunkenen Kindes einzuwirken, hatten Freunde und Angehörige vermutlich nicht. Und selbst wenn, wären sie sich der Folgen einer Genehmigung bewußt gewesen?
Und ohne die Genehmigung fehlt dann ja bedauerlicherweise die nötige Empathie, das Veröffentlichungs- und Teilverhalten in eine für das Kind, die Angehörigen und alle traumatisierten, geflüchteten Menschen, die dieses Bild vielleicht auch sehen, würde- und respektvolle Richtung zu lenken. Nämlich die, es nicht zu veröffentlichen.

Wir haben dank der Medien mittlerweile Zugriff auf mutmaßlich Millionen von grausigen Bildern, auf denen verzweifelte Menschen aus kriegszerrütteten Ländern zu sehen sind. Wir wissen dank der Medien von den Gründen, warum diese Menschen ihre Länder verlassen, beziehungsweise verlassen müssen. Wir haben Bilder gesehen von verletzten und verstorbenen Menschen, die es nicht bis zu uns oder in ein anderes sicheres Land geschafft haben.

Es ist eine humanitäre Katastrophe, die gerade passiert, und wir sind ein Teil davon.
Wir sind jetzt der helfende Teil, eine rettende Insel. Ich denke, diese Tatsache ist uns inzwischen klar geworden. Wenn nicht, nun, wir werden noch viele Monate und Jahre daran erinnert und darauf aufmerksam gemacht werden. Das ist auch bis zu einem gewissen Maße wichtig, damit wir nicht verdrängen und vergessen, zu helfen. Für eine sehr lange Zeit.
Dazu braucht es aber auch eine gehörige Portion Respekt. Respekt vor Menschen, die schlimmste Erlebnisse hinter sich und eine schwere Zeit in der Fremde vor sich haben.

Mit solchen Bildern treten wir in unserer offenbar grenzenlosen Empathielosigkeit die Würde der Toten und der Lebenden mit Füßen und machen sie wieder und wieder zu Opfern.
Das ist verletzend, respektlos und falsch und hat nichts mit Aufklärungspflicht und Hilfe zu tun.

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Unsere Medien, ihre Aufklärungspflicht, ihre Empathielosigkeit.