Stehen wir für uns und andere ein. Das steht uns gut.

Da haben wir nun jahrzehntelang auf dem Rücken ärmster Menschen unseren Reichtum genährt. Lassen uns wissentlich immer noch jeden Tag neue „Supergünstig, war ein Schnäppchen!“-Kleidung von Kindern in wirtschaftlich benachteiligten Ländern fertigen.
Wir wissen mittlerweile schon lange von den Arbeitsbedingungen jener schlecht bezahlten und ohne Arbeitsschutz schuftenden Arbeiter, die die Edelmetalle für unsere Smartphones und Laptops aus der Erde herauswühlen.
Oder unser geliebter „Cool, die Kapseln hier sind im Preis dauerhaft gesenkt worden!“-Kaffee, dessen Bohnen von Menschen geerntet werden, die nicht mal so viel Geld dafür bekommen, dass sie sich medizinische Versorgung, geschweige denn Schulbildung für ihre Kinder leisten können.
Es gibt Fair-Trade-Kaffee? Gutes Argument. Allein, es kaufen nicht genug Menschen diesen Fair-Trade-Kaffee. Er ist nämlich teurer. Schmeckt auch irgendwie nicht wie der seit Jahren gewohnte Automatenkaffee, wir mögen keine Veränderungen.
Und überhaupt ist es einfacher und macht viel mehr Spaß, die Käufer von solchen Produkten mit billigen Witzchen zu verspotten, anstatt am eigenen Konsumverhalten zu drehen.

Genau wie wir auch Vegetarier oder Veganer oder wählerische Öko-Allesesser auslachen und mit herabsetzenden Sprüchen versorgen, so oft wir nur die Gelegenheit dazu bekommen. Diese Salatfresser, diese Bio-Fleisch-Extremisten.
Ja, klar wissen wir, dass das Fleisch in unserem Döner, unserer Currywurst oder in unserem Burger von Tieren kommt, die ein elendes Leben in furchtbarer Enge verbringen mussten, die statt Wiesengras und Suhle nur ihren künstlich beleuchteten Stall und die eigenen Exkremente kennenlernten, die Schmerzen vom Stehen oder vom Hocken auf der übergroß gezüchteten Putenbrust hatten, deren Leben von Krankheit und Geschwüren bestimmt wurde und deren Hauptnahrung deshalb Antibiotika waren. Deren Tod meist extrem qualvoll und mit unfassbaren, nicht aushaltbaren Ängsten einherging.
Aber wehe wehe, der Supermarktaufschnitt oder gar unser Grillfleisch wird teurer oder wäre nicht mehr jederzeit in übermäßiger Menge verfügbar, nur damit die Tiere nicht mehr gequält werden. Lieber verdrängen wir die Bilder.

Wir wissen, dass unser Staat diversen Unternehmen gestattet, Waffen verschiedenster Art in Krisengebiete (Krise = Krieg. Nur für die, die dem Verharmlosungsvokabular unserer Politiker und Medien auf den Leim gegangen sind) zu liefern und damit billigend in Kauf nimmt, dass von diesen Waffen viele Menschen getötet werden. Ob die Getöteten irgendeiner bösen Tat schuldig sind oder nicht, entzieht sich unserer Urteilskraft, ist aber jetzt auch nicht so wichtig, ist eben Krieg, ach nein, Krise, tja nun, was soll man machen.
So haben wir wenigstens Arbeitsplätze gesichert. Alles für die Arbeit, alles für den Mammon, ohne den ja auf unserer Welt nichts mehr läuft.

Denn so ist unsere Welt aufgebaut. Seit Henry Ford die Fließbandarbeit einführte und auch gleich weitermachte mit der Ausbeutung der Arbeiter, die viel zu viele Stunden am Stück an diesen Fertigungsstraßen stehen und für kleines Geld ackern mussten. Seitdem sind wir Industrie. Menschen sind heute „Humankapital“, an dem zu sparen man sich müht. Es muss schließlich alles immer günstiger für die Käufer werden, fragen Sie mal einen Betriebswirtschaftler. Wenn Sie sensibel sind, nehmen Sie dazu eine Tüte für Ihr Erbrochenes mit.

Unsere Welt tickt laut im Takt des Geldes, nicht der Menschlichkeit. Wir respektieren etwas nur noch, wenn es einen Wert hat, und der Wert eines Lebewesens oder einer Sache oder eines Lebewesens, das als Sache gilt, wird in Geld gemessen.
Wieviel Geld ist es wert, wieviel bringt es ein? Das sind die Fragen, die wir uns ständig stellen.
Und die von anderen gestellt werden, die uns bewerten. Und dieses Bewertet-werden und Bewerten macht kein gutes Gefühl. Wirklich nicht. Niemandem.

Der Mensch ist ein gehetztes Tier geworden, von Erwartungen verfolgt, von privilegierten Menschen und deren System immer massiver unter Druck gesetzt. Und je mehr diese Entwicklung seit Beginn der Industrialisierung voranschritt, desto mehr haben wir uns von dem entfernt, was wirklich gut tut. Werbung und salbungsvolle Politikerworte haben uns eingenebelt. Und wir glaubten das alles und verlernten, wie und womit man sich und anderen Gutes tun kann.
Denn anderen Gutes tun, das können und wollen wir kaum noch. Den Wenigen, die wir uns dafür aussuchen, denen ja. Das können unsere Kinder sein, unsere Freunde, unser Hund, vielleicht sogar unser Nachbar in der Neubausiedlung. Die kennen wir ja schließlich auch, und vom Nachbarn können wir ja auch was zurückerwarten. Eine Hand wäscht die andere.

Aber dieses Motto gilt für uns nicht in Bezug auf fremde Menschen, nein, schließlich kennen wir die ja gar nicht. Sicher dürfen sie für uns die Kohlen in ihren Ländern aus dem Feuer holen, damit wir hier billige Konsumgüter aus aller Welt haben, die permanent erreichbare Rundum-Auswahl, die uns ein vermeintlich gutes Gefühl von selbstverständlichem Luxus vermittelt.
Aber die sollen in ihren Ländern bleiben. Gefälligst. Die nehmen uns ja hier sonst alles weg, ganz sicher.
Und wer macht überhaupt dann da in diesen Ländern überall unsere Drecksarbeit? Haben Sie sich das mal überlegt?
Schließlich wollen wir nicht verzichten. Auf nichts und auf gar keinen Fall.

Ja, das muss man sich mal vorstellen, die kommen hierher zu uns, wollen so leben wie wir, oder auch „nur“ dem Krieg in ihrem Land entkommen, der vielleicht mit unseren Waffen geführt wird, und keiner sorgt mehr dafür, dass wir billige Mode tragen können, möglichst jeden Monat oder jede Woche neu, die mit giftigsten Farben stylish gefärbt wurde von Frauen, die dabei nicht mal Schutzhandschuhe trugen. Und über keine Möglichkeiten verfügten, die giftige Farbsuppe, die übrig blieb, ordnungsgemäß zu entsorgen, sondern sie in den nahegelegenen Fluss leiteten. Mit dessen Wasser sie ihre Wäsche und ihre Kinder wuschen und das Abendessen zubereiteten, sofern sie sich eines leisten konnten von ihrem Hungerlohn.
Und diese giftige Farbsuppe landete dann im Meer. Da, wo überhaupt sehr viel Abfall landet. Großer Abfall, kleiner Abfall, mikroskopisch kleiner Abfall, chemischer Abfall. Und das unterstützen wir. Aber egal, solange die Strände unserer Urlaubsziele nur hübsch genug bleiben, ist alles in Butter.

Apropos Urlaubsziele: Es ist ja ein Skandal eigentlich, dass es aufgrund der Kriege und Anschläge immer weniger sichere Urlaubsziele gibt, zu denen wir mit Erdöl verschwendenden Flugzeugen für kleines Geld hinfliegen können, nicht wahr? Da kann der Staat ja auch mal was machen. Na los, Staat!

Das können wir ganz gut, nach dem Staat rufen, bei wirklich allen Problemen und Unbequemlichkeiten. Der Staat soll dies regeln, der Staat soll dort eingreifen, der Staat muss uns unterstützen, schützen, uns den Allerwertesten abwischen.
Da der Staat uns über Jahrzehnte immer mehr abgenommen hat, unsere Eigenverantwortung kontrollierend minimiert hat, ist es natürlich kein Wunder, dass wir immer gleich nach Vater Staat und „Mutti Merkel“ rufen oder sie wahlweise ober- und unterhalb der Gürtellinie angreifen, weil alles nicht so läuft, wie wir es gerne hätten. Ist ja aber auch ein Elend, hier in Deutschland zu leben. Alles schlimm, alles. Warum wollen die Menschen bloß hierher flüchten? Ein Rätsel.

Wir sind quengelnde, verwöhnte Kinder, die in einem Übervater-Staat leben, der permanent um sein Humankapital, die Arbeiter und Konsumenten, kreist und sie manipuliert, ihnen Ängste einredet und dann mit rhetorisch wohlgewählten Worten wieder in Sicherheit wiegt, damit sie nicht aufstehen, nicht eigenständig denken und handeln, damit sie funktionieren in unserem Wirtschaftsunternehmen Deutschland GmbH & Merkel KG.
Okay, wir werden zwar inzwischen reihenweise krank, leiden an Depressionen und reichlich anderen Krankheiten, die durch den massiven Druck, der auf uns lastet, ausgelöst werden, aber das wird schon wieder. Irgendwie. Aber wie?

Verantwortung übernehmen, jeder auf seine Weise, durch Mund aufmachen und/oder Handeln, das können viele gar nicht mehr so richtig, das wurde uns ja immer abgenommen.
Wir kommentieren mit grenzenlosem Erschrecken und Hassparolen die rechtsradikalen Ausschreitungen vor Flüchtlingsunterkünften. Und nein, ich habe auch kein Verständnis für die rechtsradikalen besorgten Steinewerfer, aber deren Hass und Dummheit mit Hass und Gegendummheit zu begegnen, ist nicht der klügste Weg. Nie gewesen, wir brauchen keinen Bürgerkrieg. Diese Menschen gehören vom Gesetz bestraft, ja, aber wir müssen uns mit der Ursache beschäftigen.
Mit Ungleichheit und Ungerechtigkeit, mit schlechter Bildung und Menschen, die das System abgehängt und auf Abstellgleise gestellt hat.

So wie die Welt ist, kann und wird sie nicht bleiben. Wir und die Generationen vor uns haben sie verändert und vieles darin zerstört. Das muss aufhören, und unsere Politiker werden das nicht alleine schaffen können oder wollen.
Es gilt, zusammenzustehen und Verantwortung zu übernehmen. Dauerhaft Überzeugungsarbeit zu leisten, Veränderungen zum Positiven herbeizuführen und beizubehalten. Niemand sollte mehr schweigen. Jeder sollte in dieser derzeit unübersichtlichen und – nicht wegen der Flüchtlinge, auf die Menschen ihren Frust und ihre Ängste projizieren – schwierigen Gesamtsituation versuchen, etwas zum sogenannten Gemeinwohl beizutragen. Ein angestaubter Begriff, er meint aber etwas sehr Gutes, nämlich das Wohlergehen der Allgemeinheit. Das sind nicht nur die anderen, das sind auch Sie selbst. Und unsere Gäste, egal, wann und ob sie gehen oder bleiben. Sie sind nicht gekommen, um uns zu schaden, sie gehören nicht mit Gewalt empfangen und sie können eine große Bereicherung für uns alle sein. Wenn wir es zulassen.

Wir stehen in der Pflicht zurückzugeben, was wir Mensch und Tier weltweit gestohlen haben. Gestohlen für vermeintlich Wichtiges, wie man uns suggeriert.
Wir haben genug abzugeben und ja, wir können sogar verzichten und sollten nicht darauf warten, dass der Staat das schon irgendwie irgendwo irgendwann regelt.
Und bevor jetzt jemand daherkommt und mit den Hartz-IV-Empfängern argumentiert, die ja wohl nichts abzugeben haben: nein, natürlich haben sie das nicht. Im Gegenteil. Nutzen wir doch gerne die Gelegenheit und kümmern uns auch um unsere eigenen Armen, anstatt sie zu bashen und „Hartz IV“ als Teil herabsetzender Beschimpfungen für Menschen zu benutzen. Helfen wir unseren Obdachlosen, helfen wir unseren Hartz-IV-Empfängern, stehen wir für eine große Veränderung in der Politik ein, die bei der Verteilung unserer Steuern in Zukunft sozialer verfahren könnte.

Sagen und schreiben wir unsere Ansichten, egal, ob wir eine Tagesthemen-Kommentatorin sind oder nur einen kleinen Twitter- oder Facebookaccount oder YouTube-Kanal haben. Sagen wir es unseren Nachbarn, die auf die vermeintlich gefährlichen Ausländer schimpfen. Geben wir dem Trainer im Fitnessstudio die richtige Antwort auf frauenfeindliche Witzchen, die die gegenseitige Ablehnung unter uns schüren und das tägliche Gegeneinander, was uns so lähmt, unterstützen. Geben wir Menschen eine Chance, sich und ihre menschenfeindliche Haltung zu ändern. Stehen wir für uns und andere ein. Das steht uns gut.

Eine vermeintliche Kleinigkeit kann Großes bewirken. Hassen Sie nicht. Hören Sie auf mit bösen Anfeindungen, mit Hassreden gegen Veganer, gegen Über- oder Untergewichtige, gegen außergewöhnlich Gekleidete, gegen Ihren Nächsten. Und wer sich berufen fühlt, der möge in die Politik gehen und sein Glück versuchen. Dort brauchen wir kluge Köpfe, Visionäre und Idealisten, die sich nicht nur schwafelnd die Taschen vollstopfen, sondern etwas bewegen wollen.
Seien Sie kreativ, seien Sie leidenschaftlich, kämpfen Sie mit. Mit jenen, die es jetzt schon tun und als Weltverbesserer und Moralapostel verlacht werden.
Hinterfragen Sie das Verhalten Ihrer Mitmenschen und Ihr eigenes, seien Sie kein blinder Konsumentensoldat mehr, der sich hirnlos in seine Rolle als Opfer von Werbung und politischen und medialen Verblendungstaktiken ergibt und nur das macht, was man ihm einredet. Überdenken Sie Ihr Konsumverhalten, mit dem Sie über Umweltverschmutzung, Tierquälerei oder Sklavenarbeit entscheiden. Informieren Sie sich, nehmen Sie sich die Zeit, sich Wissen anzueignen, um ihre Entscheidungen differenzierter treffen zu können. Optimieren Sie nicht ihre Figur oder Ihr Make-up, optimieren Sie Ihr Gehirn und Ihre Menschlichkeit.

Der Staat, unser Beschützer und Aufpasser, und der weltweite, übermächtige Kapitalismus haben unsere Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Aber das muss nicht so bleiben.
Aus einem „Wir werden zusammen erdrückt“ kann ein „Wir rücken zusammen“ werden.

Vielleicht bin ich nur der hoffnungslose Fall eines Träumers, aber ich glaube noch daran, dass man gemeinsam etwas bewegen kann. Es gibt schon Menschen, die das tun. Sie sind überall im Internet, schreiben dort und inspirieren andere. Sie sind da draußen unterwegs und helfen freiwillig. Sie sitzen an ihrem Laptop und überweisen online Geldspenden. Sie sitzen vielleicht neben Ihnen beim Friseur und erzählen von ihrer Tochter, die sie regelmäßig zu Demos gegen Rechtsradikale fahren und sie so dabei unterstützen.

Und Sie? Sie können mitmachen. Suchen Sie sich etwas, was Sie tun können. Für die Allgemeinheit und somit auch für sich. Finden Sie Worte oder Taten oder beides. Egal, ob es eine Kleinigkeit oder das ganz große Kino wird. Tun Sie, wozu Sie in der Lage sind.

„Was ist das Wichtigste, was du gerade für die Welt tun kannst?“
(Aaron Swartz, 1986-2013, Visionär, Idealist)

Vielen Dank, dass Sie so geduldig waren, den langen Text eines Träumers bis zum Schluss zu lesen.

Stehen wir für uns und andere ein. Das steht uns gut.

Jetzt lernen Sie meine Oma kennen – und meine Meinung.

Meine Oma ist mir als hutzelige, kleine, etwas verplante Person in Erinnerung. Mit grauem Haar, in dem immer ein Rest Dauerwelle versuchte, Locken vorzutäuschen. Im höheren Alter hat Oma die Dauerwelle nur noch selten beim Friseur machen lassen. „Ach Jung, dat ischa immer auch so düer.“

Sie sprach einen ganz eigenen Dialekt, der sich aus dem für Schleswig-Holsteiner typischen nordischen Slang, plattdeutsch und gesprochenen Rechtschreibfehlern zusammensetzte.
„Düer“, also teuer, ist ein Wort, was man oft von ihr hörte. Dies ist düer, das ist düer, fast alles war düer. Aber manches war ihr nie zu teuer. Dazu gehörte auch ihr einziger Enkel, also ich.

Was mich anging, war sie immer sehr großzügig. Besonders zu Weihnachten und Geburtstagen.
Ich hatte, wie so viele, irgendwann im jugendlichen Alter begonnen, mir von ihr Geld statt gekaufter Geschenke zu wünschen. Dies wurde dringend notwendig, als ich feststellte, dass sie beim besten Willen nicht lernen wollte, dass ich einen eigenen Kleidungsgeschmack entwickelt hatte und schon mit 15 Jahren als Mofarocker keine Pullunder mehr tragen wollte. Nein, Oma, weder einfarbig, noch mit Karomuster. Nein, Oma, wirklich nicht, vielen Dank.
Um diesen regelmäßigen Diskussionen und den Pullundern zu entgehen, besprach ich mich mit meinen Eltern und wir sagten Oma gemeinsam, dass es besser wäre, dem Jungen lieber das Geld zu schenken, was der Pullunder gekostet hätte.

Tja, da begannen goldene Zeiten für mich, denn Oma legte auf das Geld, was der Pullunder gekostet hätte, immer eine ordentliche Schippe obendrauf. Und dazu gab es dann auch immer noch etwas zum Naschen, meist etwas aus ihrer Naschwerksammelschublade. Da kamen immer Pralinengeschenke anderer alter Leute hinein, die wiederum diese Pralinen auch aus ihrer Schublade hatten, in der sie Pralinengeschenke anderer alter Leute sammelten und so weiter.
Manchmal hatte ich aber auch Glück und Oma hat extra was für mich gekauft, von dem sie glaubte, ich mochte es, was auch manchmal stimmte. Solche Sachen kaufte sie als Vorrat, wenn sie im Sonderangebot waren.
So erhielt ich bereits zu einer Zeit lagerungsbedingt weißlich verfärbte Schokolade, als es noch gar keine weiße Schokolade im Handel gab.

Aber zurück zum Geld. Das Besondere an Omas großzügigen Geldgeschenken war, dass Oma eigentlich gar nicht viel Geld hatte. Sie hatte eine gewisse Summe auf der Bank, die von ihr über viele Jahre harten Arbeitslebens zusammengespart wurde und durch einen kleinen Teil Lebensversicherungsauszahlung ergänzt worden war, aber dieses Geld wurde viele Jahrzehnte nicht angerührt. Notgroschen eben. So lebte sie von einer äußerst mickrigen Rente, denn sie hatte Zeit ihres Lebens als „Zugehfrau“ und Putzfrau gearbeitet, was ihr nicht viel Geld einbrachte. Zumal vieles von dem Geld von ihrem Mann, meinem Opa, in Alkohol investiert wurde.
Er kam als Kriegsheimkehrer sein Leben lang mit seinen Erinnerungen an die russische Gefangenschaft nicht zurecht und betäubte sich mit Schnaps. Er starb früh und hinterließ kaum gute Erinnerungen an ihn in uns allen. Und meiner Oma nur eine kleine Witwenrente, da er früh schon seine Jobs verlor und nicht mehr arbeiten konnte.

Oma hatte auch böse Erinnerungen an den Krieg, aber sie hatte keine Zeit für Alkohol, sie musste arbeiten. Harte Arbeit auf dem Land. Den Bauern, die sie bezahlten, die Wäsche waschen, Essen kochen, putzen, auf dem Feld helfen, eben die Arbeit einer Haushaltshilfe und Landarbeiterin. Um genug Geld zu haben, hatte sie mehrere Arbeitsstellen, das hielt sie fast bis zu ihrem Tod so. Ja, und dann hatte sie auch noch zwei Töchter großzuziehen. Sie zog diese Töchter mit harter Hand groß, streng und mit Schlägen, wenn es ihrer Meinung nach sein musste. Das war damals leider noch üblich, auch in der dörflichen Volksschule, auf die meine Mutter und Tante gingen, wurden Schüler noch vom Lehrer gezüchtigt, wenn sie nicht spurten.

Ich habe die harte Hand meiner Oma in meinem ganzen Leben nie zu spüren bekommen. Ich hatte alle erdenklichen Enkelprivilegien. Ich durfte auch mal frech sein. Dann gab es von ihr ein strenges „Na, na, na! Nu is abba gut, Jung!“ und das reichte auch. Ich wollte Oma ja nicht allzu sehr verärgern.
Ich erinnere mich an viele gute Tage mit Oma. Wie wir in ihrem kleinen Garten rohe Erbsen naschten. Wie ich ihr begeistert eine bestimmt fünf Kilo schwere Kröte (na gut, ich war noch klein, sie war vielleicht etwas leichter in Wirklichkeit. Vier Kilo oder so.) unter die Nase hielt und sie sehr tapfer ihren Ekel hinunterschluckte und sagte „Och, die ischa man groooß, Jung. Nu musstu die abba fix torückbringen, von wo du die herhast, da ist irgendwo ihre Familie. Sonz wird die gaaanz unglücklich.“ Immerhin, solche Aussagen, in Angst getroffen, lehrten mich Respekt vor Tieren und den Gefühlen, die sie ja ganz offenbar haben mussten. Wenn Oma das schon sagt.

Egal, was ich für Probleme hatte, zu Oma konnte ich immer kommen. Pubertätsprobleme mit den Eltern? Oma hatte Verständnis. Die Eltern wollen mir den Motorradführerschein nicht zahlen? „Oha, du willz Motorrad fahren? Dat is doch gefääährlich! Na sowat. Hier hast du zweihundert Mark, die gebich dir zum Führerschein druffzu. Aber du daafs nich rasen mit dem Motorrad, ne?“

Einige Jahre vor ihrem Tod, als sie immer mehr Probleme mit ihren Knochen bekam (Oma, du hast Osteoporose, damit musst du zum Arzt – Achwat, son Tüdelkram, Ossoporohse. Ich tu hier son Pferdefett auf die Knie, reib das orntlich ein, denn geiht dat uck wedder), chauffierte ich sie manchmal umher oder kaufte für sie ein. Bescheidene Essensvorräte, großzügige Toilettenpapiervorräte, mehr wollte und brauchte sie nicht mehr. Manchmal Medikamente. Und „son Pferdefett“.

Die letzten Jahre verfiel sie zusehends. Am meisten machte ihr zu schaffen, dass sie nicht mehr gut spazieren gehen konnte.
Sie wehrte sich lange gegen einen Rollator. Als er dann doch da war, kam sie nochmal etwas in Schwung. Besonders deshalb, weil sie sich partout weigerte zu lernen, dass das Ding auch Bremsen hatte, die sie hätte benutzen können. „Dat geiht schon, Jung, nu lass mich man“ war ihre Devise. Ich erinnere mich an einen Besuch in einem Geschäft mit einer Rampe. Meine inzwischen osteoporosebedingt o-beinige, kleine Hutzeloma hoppelte diese Rampe mit hoher Geschwindigkeit hinter ihrem Rollator hinunter, während ich panisch auf der Treppe nebenherlief und versuchte, ihrer Raserei Einhalt zu gebieten.
Als wir beide unbeschadet unten ankamen, lachte sie und sagte „Hui, dat gingscha man fix!“

Sie starb im Krankenhaus. Nach einer Knie-OP, die sie so gerne machen lassen wollte, damit sie wieder spazieren gehen könnte. Ihr altes Herz hat die Strapazen nicht mehr mitmachen wollen und blieb einfach stehen.

Als ich sie das letzte Mal sah, hatte ich ihr Einkäufe gebracht, das Geschirr abgewaschen und die Küche gewischt, während sie mir mit ihrem Gehstock vor dem Gesicht herumfuchtelte, um mir zu zeigen, wo genau ich wischen sollte.

Ich bin bis heute dankbar für die Zeit, die ich mit ihr verbringen konnte. Für die Dinge die sie mich lehrte. Für ihre unendliche Großzügigkeit und ihr Verständnis für all meine verrückten Ideen und Aktionen. Für ihren Humor, den sie bis zum Schluss hatte (Oma, du machst mir die Haustür nur in Unterhemd und Unterhose auf?? – Ja wat denn, Jung, dat ischa man auch waaahm heute, ne?) und für das dazugehörige Schmunzeln, dass sie nur bei mir zeigte.

Meine Oma ist in Pommern großgeworden, sie lebte dort in ärmlichen Verhältnissen. Ihre leibliche Mutter starb früh, so dass Oma schon als Kind im Haushalt helfen musste. Ihr sowieso schon schweres Leben wurde durch den zweiten Weltkrieg nicht leichter, und im Januar 1945 noch viel schwerer, als sie nur mit ihrer Kleidung und einem einzigen Paar Schuhe aus ihrem Heimatort von russischen Soldaten vertrieben wurde. Sie und der Rest der Dorfbewohner mussten flüchten. Alte Menschen und spärliches Hab und Gut wurde auf Pferdewagen geladen, alle anderen mussten neben dem Pferdewagen herlaufen. Es war eisigkalt und der Weg war lang. Sie liefen Tag und Nacht, Menschen starben. Es war eine einzige Tortur. Sie führte nach Schleswig-Holstein, dort erfuhren sie, zu welchen Dörfern sie gehen mussten, um dort unterzukommen. Es gab keine Flüchtlingsunterkunft, sie mussten einfach immer weiterlaufen. Als sie endlich in dem zugewiesenen Dorf ankamen, waren die Meisten mehr tot als lebendig. Auch die Pferde vor den Wagen. Sie brachen zusammen und starben an Ort und Stelle aufgrund der Strapazen.

Meine Oma überlebte den Flüchtlingstreck. Sie wurde auf einem Hof untergebracht, auf dem sie arbeiten sollte und dafür Essen bekam, irgendwann auch ein wenig Geld.

Auf ihre psychische und physische Verfassung wurde keine Rücksicht genommen, nach Kriegsende hatte man dafür keine Zeit. Sie musste tun, was alle anderen auch taten. Arbeiten. Sie kämpfte sich also durch, wie viele andere auch.

Wenn sie das nicht getan hätte, wenn sie nicht aufgenommen worden wäre, ihr niemand geholfen hätte, dann wäre ich heute nicht hier. Ich würde nicht hier sitzen und über sie schreiben, an sie denken und dabei lächeln.

Meine Oma war ein Flüchtling. Keine Reisende, keine Auswanderin, keine Schmarotzerin.

Die furchtbaren Umstände eines furchtbaren Krieges zwangen sie, zu gehen, ihre einzige Heimat, die sie bis dahin kannte zu verlassen. Eine Rückkehr war nicht möglich, in ihrem Zuhause hatten nun andere das Sagen.

Sie kam mit nichts als ihrer Kleidung auf dem Leib und ihren Erinnerungen. Ihr wurde Unterkunft und Essen gegeben, nicht mehr aber auch nicht weniger, dafür arbeitete sie fleißig und hart. Bis zu ihrem fünfundsiebzigsten Lebensjahr, bis die „Ossoporohse“ es nicht mehr zuließ.
Ihre Töchter sind beide wohlgeraten und ebenfalls fleißig.

Und ihr Enkel sitzt hier, versucht, sich die Tränen zu verkneifen und wünscht sich, dass man bitte anderen Flüchtlingen, die alles verloren haben, auch hilft. Ihnen Unterkunft und Essen bietet und so ihre Leben rettet.

So wie der kleinen, hutzeligen Frau, die in seiner Erinnerung immer noch über all seine verrückten Ideen schmunzelt.

 

Epilog:
Meine Eltern, meine Frau und ich spenden Geld, was wir erübrigen können, wir geben Kleidung und Gebrauchsgegenstände an entsprechende Einrichtungen in unserer Nähe, der Vater meiner Frau hat in seinem großen Haus eine geflüchtete Frau und ihr Kind vorübergehend aufgenommen.
Vielleicht können Sie auch irgendetwas für Menschen tun, die ihre Heimat hinter sich lassen mussten.
Falls Sie nicht in der Lage sind, zu spenden, so teilen Sie einfach anderen mit, warum Sie für die Aufnahme von Menschen ohne Heimat und Besitz sind, auch das kann eine Hilfe sein. Schweigen Sie nicht. Und bitte werden Sie kein „besorgter Bürger“, bitte zünden Sie keine Unterkünfte für Hilfsbedürftige an.
Achten und respektieren Sie Ihre Nächsten.

Jetzt lernen Sie meine Oma kennen – und meine Meinung.