Es stürmt im Netz. Muss der Klimawandel sein.

An manchen Tagen ist das Internet einfach nicht zu gebrauchen. Außer vielleicht noch zum Shoppen. Oder um fachspezifische Informationen einzuholen, die nichts mit Politik zu tun haben, irgendetwas Technisches vielleicht.
Aber an Tagen, an denen politische Entscheidungen und Entwicklungen anstehen, an Tagen, an denen Nachrichten von Kriegen, Flüchtlingen, Länderpleiten etc. durch die Medien in jeden noch so feinen Haarriss des Internets gespült werden, an jenen Tagen wird’s ungemütlich.

Als wären die Nachrichtenflutwellen allein schon nicht anstrengend, furchtbar und emotional auslaugend genug, kommen heute grundsätzlich noch hunderte, tausende Kommentare jener Menschen hinzu, die sich berufen fühlen.
Berufen, auch ein wichtiger Mitspieler zu sein. Auch etwas Wichtiges zu sagen zu haben.
Wichtige Blogger, wichtige Twitterer, wichtige Facebooker, wichtige Wasauchimmers. Wichtig. In jedem Fall.

Weil man es sonst nicht ist. Den Kollegen an der Arbeit, den Katzen beim Homeoffice, dem Fleischereifachverkäufer beim Einkaufen – natürlich kann man denen auch alles erzählen.
Im Idealfall (bei den Katzen) hören sie zu, vielleicht antworten sie (beim Fleischereifachverkäufer darf’s etwas mehr sein) sogar oder diskutieren mit einem (Diskussionen mit den Kollegen, naja, man will deren womöglich abweichende Meinung gar nicht hören).

Aber im Internet, da wird’s erst so richtig toll, weil es da so schön viel Publikum gibt. All diese Menschen, die einen lesen können, wow, das flasht erst so richtig. Egal, ob das eigene Gedankenerbrochene qualitativ wirklich hochwertig und gut lesbar ist, oder ob es eher etwas gleicht, was Hunde am Wegesrand auflecken, ganz egal, es wird reagiert. Zig „Gefällt mir“, drei- oder gar vierstellige Favanzahl auf Twitter, womöglich ein vielfach geteilter Blogeintrag (das ist ja quasi der Ritterschlag zum Qualitätsjournalisten, könnte man nach dem Gehabe einiger BloggerInnen meinen).
All das garantiert Beachtung und vermeintliche Bedeutung. Ja, du und deine Meinung bedeuten, sagen die Favs und Gefälltmirs. Zustimmende Replies und Kommentare unterstreichen deine Wichtigkeit.

Und wenn du so richtig viele Follower auf Twitter hast, ja, das ist der Hauptgewinn. Da kannst du einen Shitstorm starten. Mit oder ohne Hashtag. Aber mit Hashtag ist es effektiver. Da erreichst du sie alle, die Zustimmer, die Mitläufer ohne Sinn und Verstand.
Da wird nicht reflektiert, nicht überlegt, nicht recherchiert. Wahrheitsfindung wird nicht nur ganz klein geschrieben, nein, sie wird geradezu aktiv verhindert. Die Wahrheit ist aber auch oft so trocken und emotionslos. Blinder Aktionismus, ja, das ist es. Das macht einfach Spaß, da ist Dynamik und Thrill pur am Start.
Einfach draufloskommentieren, faven, gut finden. Und natürlich selbst Schmähschriften, Beschimpfungen und diese ach so witzigen Tweets verfassen, das ist so schnell gemacht.

Und wer es bunter mag, nimmt sich ein Bildbearbeitungsprogramm der einfachsten Art und macht Sprechblasenbildchen zum Thema oder kritzelt gar noch auf Papier irgendetwas zusammen und postet es als Foto, malt Hitlerbärtchen, es gibt keine Grenzen mehr. Mitmachen um jeden Preis. Und der ist gering bis gar nicht vorhanden. Alles, um zu bedeuten oder um Hass oder einfach nur miese Laune loszuwerden.

Worum es geht? Fast egal. Irgendwas mit Griechenland, mit Merkel, mit Flüchtlingen, ir-gend-was. Was immer so auf dem Weg der emotionalen Entrüstung liegt und den Mob anzusprechen vermag.
Sachliche Debatte? Echte Informationen? Gar brauchbare Problemlösungsvorschläge? Sorry, ihr bleibt auf der Strecke. Das müsst ihr verstehen, ihr seid langweilig, geht weg.

Nein, die emotionale Ebene, die, mit der man Facebookfreunde oder Follower akquirieren kann, unendlich viel kritiklose Zustimmung sammeln und sich auf seine innere Heldentapete pinseln kann, das ist die Ebene, auf der das Leben tobt.
Ja, und endlich bedeutet man.
Dort.
Am virtuellen Stammtisch.
Als Parolenschwinger. Mit Bier im Schlund und Endgerät in der Hand als Zepter vermeintlicher Macht, mit erhobener Netzstimme, sich hysterisch überschlagend, laut, unsympathisch, unappetitlich.

Der Klimawandel ist im Internet angekommen, rechnen Sie mit Stürmen. Jederzeit.

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Es stürmt im Netz. Muss der Klimawandel sein.

3 Gedanken zu “Es stürmt im Netz. Muss der Klimawandel sein.

  1. In der letzten Zeit kommt mir der wohlbekannte Ausspruch Heinrich Heine’s – „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ – beim Surfen durch’s WWW, vor allem durch sogenannte Soziale Netzwerke, immer häufiger in den Sinn…

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