Meine Frau und ich. Eine Liebesgeschichte mit bitterem Beigeschmack. Und Happy End.

Der folgende Text ist in Absprache mit meiner Ehefrau entstanden und wird mit ihrer ausdrücklichen Genehmigung von mir veröffentlicht. Ich nenne sie hier Karo, was nicht ihr richtiger Name ist aber das Schreiben und Lesen einfacher gestaltet.

Damals, als die Welt sich in ‚wir‘ und ‚die anderen‘ teilte und wir riesengroß wurden und einfach losflogen.

@kurzhaarschnitt, Twitter

Wenn ich heute an die Zeit des Kennenlernens meiner heutigen Ehefrau zurückdenke, fällt mir auch immer sofort unser erstes Date ein, bei dem ich mit den Worten „Darf ich?“ die Rechnung übernehmen wollte und sie darauf kodderschnäuzig antwortete „Nee, jeder zahlt für sich. Sonst fühl ich mich beim nächsten Mal verpflichtet, dich einzuladen, und wer weiß, ob ich das dann gerade will?“. Neben der Tatsache, dass sie ein weiteres Treffen in Betracht gezogen hatte (Yay!), hatte sie mich damit beeindruckt. Weil ich klare Ansagen mag, auch und gerade gleich beim Kennenlernen. Es erspart allen Seiten so viele Unannehmlichkeiten durch Spielchen.

Schon bei einem unserer bald darauffolgenden Treffen gab meine Frau ein weiteres Beispiel ihrer Direktheit zum Besten und fragte mich gerade heraus nach meinen Absichten mit ihr. Wörtlich fragte sie: „Sag mal, was wird das eigentlich hier mit uns? Willst du mich nur einfach irgendwann mal auf ein Bier zum Grillen mit deinen anderen Freunden einladen oder wird da mehr draus?“
Ich war amüsiert und erfreut und antwortete, dass ich mir definitiv mehr als ein Erscheinen zum Grillen von ihr erhoffte, und ob sie das denn bei unseren letzten Dates nicht gemerkt hätte.
Doch, hatte sie schon und ihr ging es ebenso, aber sie wollte halt einfach auf Nummer sicher gehen, weil sie mir etwas über sich erzählen wollte.


Liebe Leserinnen und Leser, Smartphones und Laptops ermöglichen uns, Texte wie diesen jederzeit und überall zu lesen, ob nun zu Hause, an der Arbeit in der Pause, im Wartezimmer beim Arzt oder, oder, oder. Jedoch gibt es Momente, in denen aus verschiedenen Gründen die Konfrontation mit manchen Themen für einige Menschen ein Problem darstellen kann. Damit Sie eine Chance haben, zu entscheiden, ob Sie diesen Text zu diesem Zeitpunkt lesen wollen/können, möchte ich Sie an dieser Stelle darauf hinweisen, dass er se*uellen M*ssbr*uch thematisiert.


Nun rechnete ich mit allerlei „Geständnissen“ von Dingen, die einem Menschen unangenehm sein können: Geldprobleme, körperliche oder gesundheitliche Nachteile, Perücken…
Was sie mir dann aber erzählte, war etwas ganz anderes.
Sie berichtete mir vom regelmäßigen sexuellen Missbrauch, der ihr, beginnend im Alter von acht Jahren, bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr durch einen nahen Verwandten angetan wurde. Es passierte immer wieder, es war brutal und mit Panik, Atemnot, blauen Flecken, Schürfwunden und Schmerzen verbunden, von den seelischen Belastungen und Folgen ganz zu schweigen. Er tat es immer wieder, bei sich zu Hause oder bei ihr in ihrem eigenen Kinderzimmer. Als Verwandter hatte er regelmäßigen Zugang zu ihr, da er oft mit ihren Eltern Kontakt hatte und ganz in der Nähe wohnte. Er fand immer Mittel und Wege, sein scheußliches Werk unentdeckt zu vollbringen.

Da Karos (inzwischen längst verstorbene) Mutter unter einer Herzkrankheit und unter Depressionen litt, drehte sich das Familienleben fast ausschließlich um sie und ihre Krankheiten. Karos Vater kümmerte sich um sie, wenn er nicht gerade arbeitete, die Mutter selbst arbeitete so gut sie konnte als Nachtwache in einem Pflegeheim. Karo und ihre Geschwister hatten früh zu lernen, sich selbst zurückzunehmen und wenn möglich für die Mutter da zu sein. Oder ihr aus dem Weg zu gehen, wenn sie sich um sich selbst kümmern musste. Mutter durfte nicht belastet werden.

Diese Konstellation sorgte nun also dafür, dass Karo sich ihrer Familie nicht anvertrauen konnte. Zudem waren die Drohungen von Karos Peiniger effektiv („Du wirst nichts sagen, sonst kriegt deine Mutter einen Herzinfarkt, stirbt vielleicht und du wärest schuld daran“), ihr Schamgefühl über das Geschehene und ihre Angst groß, so dass sie sich viele zermürbende Jahre nicht traute, überhaupt irgendjemandem von ihrer ganz persönlichen Hölle zu erzählen.

Natürlich gab es reichlich Anzeichen, an denen Eltern von FreundInnen, LehrerInnen oder auch andere Verwandte vielleicht hätten erkennen können, dass mit Karo einiges nicht stimmte.
Als sie die Barbiepuppen einer Freundin beim Spielen heftig aufeinanderschlug und sie mit großem Druck ihrer Hände übereinander auf den Teppich presste und äußerte, so ginge Sex. Sie machte dies immer wieder, bis die Mutter der Freundin Karo nicht mehr mit ihrer Tochter spielen ließ.
Als Karos Mutter sie wegen ihrer blauen Flecke am Rücken ansprach, die sie durch Zufall entdeckte, weil Karo sie nicht schnell genug vor ihr verbarg, und Karo log, dass die Flecken vom Toben draußen kämen, und die Mutter danach jahrelang nicht mehr nachfragte, wenn Karo immer mal wieder neue Flecken und Schürfwunden hatte.
Als Karo schon früh übermäßiges Essen als einzig positive Konstante in ihrem Leben entdeckte, weil ein voller Bauch sich gut anfühlte und leckeres Essen Spaß machte und den Kummer leichter verdrängen ließ, sie dadurch an Gewicht zulegte. Anstatt zu hinterfragen, warum das Kind so ungewöhnlich viel aß, setzte ihre Mutter sie bereits im Alter von neun Jahren auf Diät. Der Jojo-Effekt setzte ein, Karo lernte Weight Watchers kennen, bekam immer wieder neue Brigitte-Diäten und war allerlei anderen Essenseinschränkungen ausgesetzt, die die Mutter sich teilweise frei ausdachte. Karo bekam kein Essen mit zur Schule und wenn sie abends nach kargem Mahl noch Hunger hatte, wurde sie einfach ins Bett geschickt. So aß Karo heimlich, wann immer sie konnte, bei Nachbarn und Schulkameradinnen.
Auch ihre schulischen Leistungen wurden immer schlechter, dies wurde auf die früh einsetzende Pubertät von Karo geschoben. Manchmal schwänzte sie die Schule, aber dafür gab es Abhilfe: jener Verwandte, der sich sowieso regelmäßig an ihr verging, bot den Eltern an, sie an einigen Tagen zur Schule zu bringen, welche auf seinem Arbeitsweg lag. Eine schnelle, bequeme Lösung für die Eltern.
So wurde Karo auch einige Male auf dem Weg zur Schule von ihm missbraucht. Dass sie sich danach nicht mehr auf Grammatik, Formeln oder Geschichte konzentrieren konnte, verwundert nicht.
Sie wurde aggressiv gegen Mitschüler, die Karo wegen ihrer inzwischen außerhalb der gesellschaftlich festgelegten Normgrenzen liegenden Figur hänselten. Sie prügelte sich mit den Jungs, wurde frech und großschnäuzig gegenüber den LehrerInnen, kassierte Rügen und Tadel.
Selbst als sie einmal einem Klassenlehrer unter vier Augen andeutete, sie ginge nicht gern nach der Schule nach Hause, weil es da nicht so toll sei, wurde dies nicht weiter beachtet.

Der innere Druck wurde über die Jahre der Folter und Quälereien immer größer, die Angst vor jedem Zusammentreffen mit ihrem Vergewaltiger wuchs immer weiter, niemand hörte ihr zu, wenn sie sagte, dass sie ihn nicht mochte oder nicht mit ihm zur Schule fahren wollte. Als sie irgendwann einmal verzweifelt wagte, ihm zu drohen, dass sie nun doch alles erzählen würde, was er mit ihr machte, wurde er nur brutaler. Er wusste längst, dass ihm von ihr keine Gefahr drohte. Schließlich war er ja der nette, krawattetragende Schwiegersohntyp, immer freundlich zu jedermann, hatte einen guten Job und war überhaupt einfach ein guter Kumpel und Freund der Familie, wogegen Karo das dicke Kind mit den schlechten Noten und dem schlechten Benehmen war, das in der Schule und zu Hause nichts als Schwierigkeiten machte.

Irgendwann nahm Karo allen Mut zusammen, ging zur Vertrauenslehrerin ihrer Schule und wollte ihr von ihrem Leben außerhalb der Schulzeit berichten. Als das Gespräch nach der Begrüßung ins Stocken geriet, weil die Lehrerin Karo vermittelt hatte, dass sie eigentlich gerade nicht sehr viel Zeit hätte, verließ Karo der Mut und unter einem Vorwand ging sie wieder.
Im Alter von etwa vierzehn Jahren vertraute sie sich ihrer besten Freundin an. Die allerdings war mit diesem Geständnis vollkommen überfordert, und so blieb es ein Geheimnis zwischen ihnen, was nach nur wenigen Gesprächen darüber wieder hinter der Mauer des Schweigens verschwand.

All diese Dinge erfuhr ich von Karo während unseres Kennenlernens, dieser verrückten, verliebten Phase, die man für gewöhnlich nur mit Zärtlichkeiten, Albernheiten und rosaroten Brillen in einer hormonbedingt wunderbar aufregenden Zeit verbringt, in der das Gehirn sich in Zuckerwatte räkelt und auch sonst die Welt um sich und die neue Liebe herum zum schönsten Ort des Universums wird.
Es war wie eine zweispurige Autobahn. Links die aufregende Überholspur, wo man mit Tempo und Adrenalin einem Ziel entgegensauste, rechts die Spur, auf der man nur schlecht vorankam, wo Frust die gute Laune verdrängte. Seitenstreifen und Rastplätze zum Nothalten oder Ausspannen gab es nicht. Es gab natürlich eine Ausfahrt, die ich hätte nehmen können, ganz am Anfang. Als Karo mir das erste Mal stockend in kurzen Worten und wenigen Sätzen umriss, was in ihrer Kindheit und Jugend geschah. Und was ihr das heute in mancherlei Hinsicht für Probleme bereitete.
Sie sagte mir, ich hätte nun die Möglichkeit, zu gehen, wenn ich mir eine Beziehung mit ihr nicht zutrauen würde.

Ich brauchte nicht zu überlegen, denn erstens hatte ich mich ja bereits ganz schön schnell und heftig in diese kleine, kodderschnäuzige, starke und attraktive Person verliebt, und zweitens, hey, wer war ich denn, dass ich damit nicht fertigwürde?

„Ich hab einen Plan gemacht.“ „Erzähl.“ „Naja, er ist bunt. Und wir sind mittendrin, haben uns lieb und werden zusammen alt.“ „Guter Plan.“

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Ein naiver, verliebter Kerl, der sich in dieser Sache erstmal hoffnungslos selbst überschätzte. Das war ich. Das aber wurde mir erst so nach und nach klar.

Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt ging es manchmal mehrmals am Tag im Minutentakt. Alle Erinnerungen, die sie vertrauensvoll und teilweise von mir erfragt mit mir als erstem Menschen in ihrem Leben kompromisslos teilte, wurden in meiner regen Phantasie zu furchtbaren Bildern. Bilder, mit denen Karo seit Jahrzehnten gezwungen war, zu leben. Mich allerdings trafen diese Bilder nahezu unvorbereitet in einer Zeit, in der ich aufgrund meiner wachsenden Liebe zu ihr auch verletzlicher wurde. Das Gefühl von Wut und Ohnmacht, mit dem Karo so lange schon lebte, war für mich neu und schwer zu beherrschen. Ich wollte diesen Mann, der ihr all diese Schmerzen und Ängste bereitet hatte, unter dessen Körper sie manchmal beinahe erstickt war, mit meinen Fäusten zur Rede stellen, ihn vor Gericht zerren, damit er im Gefängnis verrotten möge.

Jemanden so sehr lieben, dass man ihn am liebsten nachträglich vor all dem Bösen beschützen will, was ihm in der Vergangenheit geschah.

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Aber ich musste mich beherrschen lernen und begreifen, dass dieser Mann aufgrund unseres überaus mangelhaften, teils funktionslosen Rechtssystems (Stichwort: Verjährung von Sexualstraftaten) und aufgrund seiner beruflichen Position straffrei davonkommen wird. Wie so viele, viele andere Sexualstraftäter.
Til Schweiger vertrat einmal in einer Talkshow zum Thema sexueller Missbrauch eine klare Position und wetterte einmal mehr auf seine bekannte, trotzig wütende Art „Deutschland ist ein Täterland!“. Er hat recht. Wenn man sich auf den Weg durchs Internet macht, um alles über das Thema Missbrauch, Vergewaltigung und die Strafverfolgung der Täter zu erfahren, stößt man auf Dinge, die man eigentlich lieber nicht wissen wollte.

Zum Beispiel auf Rechtsanwaltskanzleien, die sich auf Sexualstraftäter als Klientel spezialisiert haben und versprechen, dass sie es schaffen die Opfer ihrer Taten so zu diskreditieren, dass sie im Verlauf eines Gerichtsverfahrens schlechter dastehen werden, als der eigentliche Täter. Da kommt einem beim Lesen schon ein bisschen Kotze mit hoch.
Oder es fällt einem einfach generell die Nachrichtenerstattung zum Thema sexueller Missbrauch bei mehr oder weniger prominenten Menschen auf.                                            Da liest man, sensibilisiert für dieses Thema, Randnachrichten von einem Stiefvater drei Dörfer weiter, der seine Stieftochter über Jahre missbraucht haben soll, aber mangels Beweisen letztlich auf freien Fuß gesetzt wird und wieder in das Haus zurückkehren kann, in dem die Stieftochter auch immer noch lebt. Oder erfährt, dass Pola, die nach Nastassja weitaus unbekanntere Tochter von Klaus Kinski, als Kind über Jahre brutal von dem Schauspieler vergewaltigt wurde. Was diverse Menschen überhaupt nicht davon abhält, ihn weiterhin auch post mortem für sein vermeintlich außergewöhnliches Talent zu bewundern, klar, das muss man natürlich trennen. Da ignoriert man halt einfach diese unappetitliche Sache, von der die Tochter in einem Buch berichtet.
Oder man liest von Woody Allen, dessen Tochter Dylan von Presse und Öffentlichkeit schlicht Lüge unterstellt wurde und deren Hilferufe auch heute noch hinter der weltweit anerkannten Großartigkeit Woody Allens und der Ignoranz Hollywoods nahezu ungehört verhallen.
Generell möchte die Öffentlichkeit solche Geschichten nur kurz und reißerisch aufgemacht konsumieren, so für die tägliche Empörung und das gymnastische Kopfschütteln, aber über längere Zeit möchte man dann doch nicht immer wieder damit konfrontiert werden. Es kratzt ja auch unangenehm am mühsam aufrechterhaltenen heilen Weltbild.

Nun, zurück zu meiner Beziehung: Ich musste also sehr, sehr viel lernen. Und das tat ich. Ich sprach nicht nur mit Karo über das Erlebte, wann immer sie wollte und konnte, ich informierte mich im Internet über sexuellen Missbrauch und die langfristigen Folgen für die Opfer, kaufte Bücher von Menschen, die selbst eine solche oder ähnliche Folter erlitten und überlebt hatten und Bücher für Angehörige von Überlebenden. Denn das sind sie, jene Menschen, die sich nicht aus Verzweiflung, Angst, Schmerz und Scham ihr eigenes Leben genommen haben, weil es für sie nicht aushaltbar war, und das sind leider viele. Viele, von denen oft niemand je den wahren Grund ihres Suizids erfährt.

Ich musste lernen, mit Karo richtig umzugehen, dass ich ihr beispielsweise, wenn sie auf dem Sofa eingeschlafen war, nicht einfach über ihr stehend einen Kuss zum Wecken geben durfte. Weil es sie erschrecken konnte, wenn sie geweckt wird und ein Schatten über ihr steht.

Ich lernte, in Karo jetzt nicht auf einmal nur noch das Opfer zu sehen, sondern auch die starke und besondere Frau, die sie trotz allem und nach ihren Worten erst recht geworden war.

Blickduell bis einer lacht. Meine Frau verliert meist, ich darf mir dann was wünschen und das ist ein Kuss und irgendwie sind wir Teenager.

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Denn trotz ihrer üblen Vergangenheit hat sie gekämpft, Ausbildungen abgeschlossen, ihr Abitur nachgeholt und steht nun kurz vor Beendigung eines anspruchsvollen technischen Studiums, dass sie sich mit Nebenjobs mühsam erarbeitet hat. Das ist alles andere als selbstverständlich, wenn einen Erinnerungen an das Erlebte immer und zu jeder Zeit an jedem Ort plötzlich wieder einholen können. Wenn zum Beispiel ein Kommilitone dasselbe Rasierwasser wie der Peiniger der Vergangenheit benutzt hat und einem davon schwindlig und übel wird und man keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, um nur ein Beispiel zu nennen.

Heute weiß ich, was Flashback, Trigger und posttraumatische Belastungsstörung bedeutet.
Ich weiß, dass die Suche nach einem passenden Therapeuten für Überlebende von sexuellem Missbrauch unfassbar schwer ist, dass man mindestens etwa ein Jahr Wartezeit auf eine Therapie einplanen muss. Ebenfalls habe ich in Erfahrung gebracht, dass sexueller Missbrauch während eines Psychologiestudiums für die Studenten eher ein Randthema ist und dass es deutschlandweit nur eine Handvoll wirklich gut auf diese Thematik spezialisierte PsychologInnen gibt. Was einen bei der Häufigkeit von sexuellem Missbrauch bei Mädchen und Jungen erschreckt: allein 2014 wurden bundesweit 14.395 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern registriert (Polizeiliche Kriminalstatistik 2014). Das sogenannte Dunkelfeld der nicht angezeigten Fälle liegt zahlenmäßig weitaus höher.

Die meisten Delikte passieren im familiären Umfeld. Durch die eigenen Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde der Familie.

Ich lernte, dass die Missbrauchsüberlebenden oft viele Jahre, manche ein ganzes Leben lang, die an ihnen begangenen Gewalttaten in Gesprächen mit anderen und für sich selbst banalisieren, um mit dem Horror zurechtzukommen und einen halbwegs funktionierenden Alltag zu leben. Und das diese Banalisierung dazu führen kann, dass Menschen tatsächlich glauben, sexueller Missbrauch sei für manche „gar nicht so schlimm, es käme ja vermutlich auch darauf an, wie man an die Sache herangeht“. Ein solches, schockierendes Gespräch führte ich einst mit einem Freund, der sich von mir in keiner Weise mit Fakten irritieren ließ und möglicherweise auch noch heute an seiner Irrmeinung festhält. Ich weiß es nicht, denn ich kündigte ihm seinerzeit die Freundschaft.
Des Weiteren begriff ich, dass auch unsere Gesellschaft ein Problem mit „starken Opfern“ hat, Menschen also, die zwar zu Opfern gemacht wurden, dies aber überlebt haben und es schaffen, selbstbewusst und selbstbestimmt zu leben. Denn sobald sie das tun, erregen sie nicht mehr ausreichend Mitleid, auch hier ist dann schnell die Vermutung bei der Hand, es sei wohl doch nicht so schlimm gewesen.

Ich könnte hier nun die Liste der Dinge, die ich zu lernen hatte, beliebig weit fortführen, denn ich lerne noch heute, ich bin noch heute und bis in alle Ewigkeit wütend über solche Taten und auf die Täter, wütend auf unser Rechtssystem und wütend auf unsere Gesellschaft, die verdrängt und mit so naiven Sätzen wie „…aber der hat immer freundlich gegrüßt, war gut gekleidet und ist immer so lieb mit seinen Kindern umgegangen“ sich aus jeder Verantwortung herausstiehlt. Oder Victim Blaming à la „Warum hat sie denn nicht einfach was gesagt, dann hätte man ihr auch geholfen, aber wenn sie halt all die Jahre schweigt, tja.“, wenn man also dem Opfer die Schuld zuschiebt, die ausschließlich dem Täter zuzuschreiben ist.
Wütend bin ich auf Mütter oder Väter, die wie im Fall meiner heutigen Ehefrau ihrem Job nicht nachkommen und gefälligst aufmerksam sind und für ihre Kinder ein Klima schaffen, in dem sie sich trauen, ihren Eltern alles zu sagen, was sie erleben. Auch der Mutter, wenn der Vater der Täter ist und umgekehrt. Natürlich ist das nicht einfach, schon gar nicht, wenn man krank ist.
Aber Eltern sind es ihren Kindern schuldig, alles dafür zu tun, alles zu versuchen. Und wenn sie es selbst nicht können, müssen sie eine Möglichkeit finden, dem Kind trotzdem gerecht zu werden, zur Not eben mit Hilfe von außen, von Ämtern oder Hilfsvereinen.
Zu Lasten der Kinder darf auch eigene Krankheit nicht gehen.

Wütend bin ich auch über die Tatsache, dass in diesem Land deutlich zu wenig bis gar nichts für die Opfer von Gewaltverbrechen getan wird. Darum müssen sich Vereine kümmern, die dies zwar zum Teil ganz großartig machen, aber bei Weitem nicht die Menge Menschen erreichen können, die Hilfe benötigen, zumal es an Geld und somit Arbeitskräften mangelt.
Deutschland ist ein Täterland.

Ach ja, und ich bin ebenfalls wütend auf den Teil unserer Gesellschaft, der die Objektifizierung von Frauen und Kindern toleriert oder gar akzeptiert und fördert und nicht mindestens sein Wort dagegen erhebt. Denn auch das trägt durchaus seinen Teil zu solcher Art Verbrechen bei, denn nicht alle Täter sind Pädophile. Nein, es sind noch dazu auch Menschen, die das Gefühl von Macht brauchen, wollen und genießen, das sie in einem Moment der Vergewaltigung von Kindern oder generell schwächeren Menschen empfinden. Und auch „Gelegenheitstäter“ gibt es in dieser Sparte des Verbrechens. Jenen und allen anderen muss man nun wirklich nicht anhand von beispielsweise Fotos in Kinderbekleidungskatalogen mit deutlich minderjährigen Mädchen in knappen und auf sexy getrimmten Klamotten vermitteln, dass es okay wäre, Mädchen als Sexobjekt zu begreifen.

By the way: Es nervt mich kolossal, dass wir im Jahr 2016 überhaupt noch über Objektifizierung von Frauen und Kindern diskutieren müssen.
Wir leben alle in und mit dieser Gesellschaft und haben die Pflicht, sie für alle Menschen gleichsam lebenswert zu gestalten. Was soll also der Blödsinn mit der Benachteiligung und Abstempelung von Menschen aufgrund beispielsweise ihres Geschlechts? Je länger man darüber nachdenkt, desto absurder wird es.

Und Sie? Was ist eigentlich mit Ihnen? Haben Sie sich schon mal näher als mit dem Lesen reißerischer Zeitungsartikel mit dem Thema sexueller Missbrauch und seine Folgen für jene, die ihn erleiden mussten, beschäftigt? Nein? Brauchten Sie bisher nicht, weil Sie ja auch so jemanden nicht kennen?

Bedenken Sie mal die statistisch erfasste Zahl der Menschen, die sexuellen Missbrauch durchleiden mussten und dies angezeigt haben (zur Erinnerung: allein 2014 waren dies 14.395, ähnliche Zahlen kommen JEDES JAHR noch dazu) und zählen Sie nochmal ganz viele Menschen dazu, die sich wie meine Frau im sogenannten Dunkelfeld befinden, weil sie aus Gründen nicht in irgendwelchen Statistiken als nachweisbare Größe auftauchen (können) und gezählt werden.

Und wenn Sie das nun alles bedenken, wie hoch, glauben Sie, ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass Sie im Laufe Ihres Lebens einem oder mehreren Menschen begegnen, die sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren oder Kindern, die es gerade jetzt zu dieser Zeit sind? Meiner persönlichen Meinung nach liegt diese Wahrscheinlichkeit vermutlich im Bereich zwischen achtzig und einhundert Prozent, wenn Sie nicht als einsamer Eremit ohne jeden Menschenkontakt in den Bergen leben.
Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie mit einem sexuell missbrauchten Menschen beruflich oder privat intensiver zu tun haben?

Wenn Sie bis hierher aufmerksam folgen konnten, dürfte Ihnen langsam klar werden, warum ich der Meinung bin, dass jeder Mensch über sexuellen Missbrauch und die Folgen informiert sein sollte. Um adäquat zu reagieren, beispielsweise.

Ich wäre im Nachhinein sehr dankbar gewesen, wenn ich über dieses unsägliche Thema schon vor dem Kennenlernen meiner Frau Informationen gehabt hätte. Ich wäre gern schon viele Jahre früher darüber aufgeklärt worden, dass es das gibt, dass vermutlich noch viel mehr Menschen in meinem Umfeld betroffen waren und sind und worauf man bei Menschen und Kindern achten kann, um vielleicht frühzeitig zu helfen. Was es für diese Menschen bedeutet, so etwas durchgemacht haben zu müssen, dass sie zum Beispiel Scham empfinden, obwohl sie absolut nichts für das können, was ihnen angetan wurde. Aber es betrifft eben einen höchst intimen, privaten und oft reichlich tabuisierten Bereich. Und werden die Täter nicht auch immer noch „Kinderschänder“ genannt, obwohl dieser unsägliche Begriff impliziert, dass das Kind „geschändet“, also mit einer Schande belegt wurde und mit dieser nun herumläuft? Es sind Gewalttäter, Sexualstraftäter. Auch nicht „Sexgangster“ (was nach angesagtem Rapperslang klingt und dem Ganzen auch noch einen Coolness-Stempel verpasst) oder „Sextäter“, zumal solche Taten mit eigentlichem Sex rein gar nichts zu tun haben. Sex bezeichnet in unserem allgemeinen Sprachgebrauch sexuelle Handlungen zwischen zwei oder mehreren einvernehmlich handelnden Sexualpartnern.
Ein Vergewaltiger und sein Opfer sind das NIEMALS.

Letztlich halfen mir meine gesammelten Informationen, um mit der Vergangenheit meiner Frau und mit meiner Frau selbst mit der Zeit richtig umzugehen, da ein Ignorieren des Themas für mich und meine Liebe zu dieser wunderbaren Frau keine Option darstellte. Mit vielen Informationen konnte ich auch meiner Frau den Halt geben, den sie braucht und haben möchte. Und in vielen Gesprächen konnte meine Frau auch mir Halt geben in den schwachen Momenten, in denen mir alles über den Kopf zu wachsen drohte.

Sie macht immer irgendetwas Niedliches, Großartiges oder Leidenschaftliches. So bleib ich ewig in meine Frau verliebt und das ist ihr Trick.

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Es war alles nicht einfach. Heute, nach den vielen, sehr offenen und ehrlichen Gesprächen und der gemeinsamen Verarbeitung, ist manches etwas leichter geworden. Karo und ich sind ein eingespieltes Team, empfinden uns als Einheit, als Verbündete, die alles miteinander teilen und einander vertrauen.

Falls Sie heute ein miteinander tanzendes Paar auf einem Supermarktparkplatz angehupt haben: sorry, meine Frau und ich hatten halt Laune.:)

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Wir hoffen und wünschen, dass dies und unsere Liebe zueinander unser Leben lang ausreichen werden, um psychisch gesund zu bleiben und gemeinsam und in Frieden alt zu werden. Wir haben so unglaublich viele glückliche Momente, auf die wir in unserer Erinnerung immer zurückgreifen können. Wir haben beide Humor, der uns beim Manövrieren durch etwas kompliziertere Gewässer hilfreich zur Seite steht, genau wie einige sehr gute Freunde und meine Eltern, die meine Frau heute wie ihre eigene Tochter behandeln und lieben.

Es muss sich viel ändern. In unserem Rechtssystem, in unserer Gesellschaft. Ich wünsche mir in unser aller Interesse, dass dies auch passiert. Mögen sich die Dinge zum Guten wenden und tragen Sie, liebe Leserinnen und Leser, gern dazu bei, wo und wann immer Sie können.

Meine beste Selbstoptimierungsmaßnahme bisher? Die Frau an meiner Seite.

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Ich danke Ihnen für das Lesen dieses Blogtextes.

Meine Frau und ich. Eine Liebesgeschichte mit bitterem Beigeschmack. Und Happy End.

Erkenne dich selbst!

lieblingsgruebchen

Wie gerne würde ich manchen Menschen das entgegen schreien.

Erkenne dich selbst! Schau dich im Spiegel an, schau dir an, wie du bist – körperlich. Suche dir Menschen, die dir ein Spiegel sein können, und schau dir mit ihrer Hilfe an, wie du bist – im Verhalten, von außen, im Denken, im Fühlen. Schau dich selbst an, mit allem was zu dir gehört, und sieh!

Betrachte dich.

Was findest du gut an dir?
Was findest du nicht gut?
Wie möchtest du damit umgehen, dass du etwas an dir nicht gut findest?

Wenn du deinen Freunden von deiner Lebenssituation erzählst, wenn du unglücklich bist – möchtest du dann eine Rückmeldung?
Möchtest du die Meinung deiner Freunde überhaupt hören oder sollen sie nur zuhören, es über sich ergehen lassen und schweigen?

Möchtest du die Meinung deiner Freunde hören, auch wenn sie dir unbequeme Dinge sagen?
Auch wenn sie dir sagen, dass du…

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Erkenne dich selbst!

Willkommen. In der Zeit, in der wir leben.

Es gibt hier in Deutschland tolle Menschen. Und zwar ganz schön viele. Man merkt es nicht immer gleich, wenn einem ein Pegida-Aufmarsch über den Weg läuft oder der Nachbar mit seinen Stammtischparolen unbelehrbar gegen alle Menschen aus dem Ausland wettert. Man merkt es auch nicht immer in unserer Politiklandschaft, wo allzu häufig Dinge gesagt aber nicht getan werden oder Entscheidungen gegen jede Vernunft getroffen werden. Man merkt es bedauerlicherweise auch nicht immer in all unseren Medien, die sich nur allzu gern auf jene Nachrichten stürzen, die die beste Quote, den höchsten Gewinn versprechen.

Ich möchte mich nicht gegen kritische Nachrichtenerstattung stellen, auch nicht gegen kritische Stimmen in Politik oder unter meinen Mitbürgern. Kritik und Zweifel müssen möglich und erlaubt bleiben, zumal manches davon berechtigt ist und unsere Beachtung finden sollte, damit wir entsprechend handeln können, um Schaden von uns und anderen abzuwenden.

Gefragt sind Sensibilität und Wahrheit. Ruhe und überlegtes Handeln. Richtiges Erkennen und Einschätzen von Gefahr und Nicht-Gefahr. Gegenseitiges Zuhören, immer wieder, auch wenn uns Gesagtes nicht gefällt. Menschlichkeit und Miteinander.
All das ist in solch bewegten und bewegenden Zeiten wie diesen, die wir jetzt gerade alle erleben, nicht einfach, keine Frage. Aber möglich.
Gegenseitiges Zerfleischen ist für keine Seite hilfreich, Schwarz-Weiß-Denken auch nicht.

Wovon ich hier schreibe, ist Ihnen sicherlich schon klar: Es geht um die Menschen, die zu uns nach Deutschland aus Ländern kommen, in denen Krieg herrscht oder eine Form von Armut, die sich hier in unserem Land die meisten Leute nur schwer vorstellen können. Wir nennen diese Menschen Flüchtlinge. Weil sie von Orten flüchten (müssen), an denen das Leben nicht mehr lebenswert für sie ist.
Diese Menschen kommen zu uns, weil sie daran glauben und darauf hoffen, dass sie hier Hilfe bekommen. Sie geben ihr Leben in unsere Hände.

Sie wollen gar nichts Unerreichbares, es geht ihnen um Ruhe, Sicherheit, Wohnen, Arbeiten, Essen. All das, was die große Mehrheit von uns hier in Deutschland schon hat.
Und ebenfalls können eine ganze Menge von uns sogar etwas Geld erübrigen oder etwas Kleidung und andere Dinge abgeben oder ein bisschen Freizeit opfern und helfende Hände anbieten.
Dies wird von ganz vielen tollen Menschen jetzt schon längst getan. Wir sind es selbst und/oder haben sie in unserer Nachbarschaft, sehen sie an Bahnhöfen oder manchmal im TV oder lesen von Ihnen beispielsweise in den sozialen Medien und in Blogs.

Dort können wir auch lesen, was HelferInnen alles erleben mit den Menschen, die traumatisiert, verletzt und trauernd zu uns kommen. Es wird uns erzählt, was diese fremden Menschen, die wir (noch) nicht kennen, erleben mussten, wie sie überlebten und es zu uns geschafft haben und wie sie jetzt hier leben und in Zukunft leben möchten.

Es sind Geschichten, die uns helfen, zu verstehen.
Geschichten, die uns an die Hand nehmen und beim Lesen einer Welt näherbringen, die uns in unserem sonstigen Alltag, in dem wir uns um unsere Jobs und Familien kümmern müssen, womöglich noch wenig begegnet.
Wir brauchen diese Erzählungen und Berichte von HelferInnen und ZeitzeugInnen auch als Gegengewicht zu all den schlechten Nachrichten und irrationalen Hassreden, damit wir uns ein Bild machen können.
Ein ausgewogenes Bild, das uns hilft, gute Entscheidungen zu treffen. Fehler zu erkennen, unsere und die anderer.

Wir sollten uns mit all dem befassen, weil es uns alle betrifft und langfristig betreffen wird. Jetzt, hier, in diesem Jahr und in den kommenden Jahren, in diesem Leben, in unserem Land und in der ganzen Welt. Wegsehen ist keine Option mehr.

Ich möchte Ihnen dazu gern ein ganz besonderes Buch empfehlen.

Ein Team engagierter Menschen hat sich unentgeltlich die Mühe gemacht, aus vielen Artikeln und Blogs eine vielfältige Sammlung von Texten zusammenzustellen, in denen mehr als fünfzig AutorInnen uns ihre Geschichten, ihre Erlebnisse, ihre Gedanken erzählen.
Entstanden ist das großartige E-Book Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge, ein Stück Geschichte der Gegenwart, in der wir leben.
Die Erlöse werden samt und sonders an die Organisation #bloggerfuerfluechtlinge gespendet, alle Autoren haben ihre Texte kostenlos zur Verfügung gestellt und ich bin froh darüber, auch mit einem kleinen Textbeitrag dabei sein zu dürfen.
Sie bekommen für kleines Geld eine Menge guten Lesestoff.

Und Sie helfen. Mit Ihrem Geld und mit Ihrem Interesse an dem, was um Sie herum passiert.
Denn Interesse für Mitmenschen kann ein Anfang für etwas Gutes sein, und Gutes brauchen wir in unserer Welt mehr denn je.

Ich wünsche Ihnen eine friedliche Vorweihnachtszeit und Festtage ohne Ängste und Nöte. Ich wünschen Ihnen, dass sie gesund bleiben oder werden, damit wir alle gemeinsam bald in ein neues Jahr gehen können.
Ich wünschen uns allen, dass wir es hinbekommen, all dem weltweit entstehenden Chaos zum Trotz zusammenzuhalten und einander zu respektieren.

Ich wünsche uns allen ein Wir.

 

Cover - Willkommen! Blogger schreiben für Flüchtlinge
ISBN 978-3-944543-28-4
Willkommen. In der Zeit, in der wir leben.

Körperwelten.

Meg

Ich wünschte, mir wäre so eine Szene aus der Dove-Werbung passiert, in der ich mich selbst male und dann von jemand anderem gemalt oder beschrieben werde. Und das Bild, was von mir gemalt oder beschrieben wird, stimmt mit dem Bild überein, das ich malte oder beschrieb.

Das würde bedeuten, dass ich mit mir im Reinen bin.

Manchmal überlege ich, ob ich eine Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis mache und die Leute bitte, 3 Attribute aufzuzählen, die ihnen zu meiner Person einfallen. Sie können den Charakter oder das Aussehen beschreiben.
Doch das lasse ich, denn ich kenne das Ergebnis, schließlich habe ich das Drehbuch geschrieben und halte mich daran.

So leicht es mir fällt, Perfektionen an anderen Menschen auszumachen, zu beschreiben und mich daran zu entzücken, so sehr feinde ich meinen eigenen Körper an und frage mich, ob es erst ein bestimmtes Alter oder ein schwerwiegendes Erlebnis braucht, um ihn lieben…

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Körperwelten.

Man tötet meine Nachbarn. Ich will das nicht.

In den 90er Jahren, ich war so Mitte zwanzig, bereiste ich Frankreich. In einem kleinen Ort am Rande der schönen Carmargue war ich an einem sonnigen Vormittag unterwegs und suchte eine Straße. Ich hatte eine Wegbeschreibung aber keinen Stadtplan, und so musste ich mich durchfragen. Ich tat dies mit meinem Schulfranzösisch, mit dem ich, gespickt mit vielen „Äh-s“, einen alten Mann vor einem kleinen Café ansprach, der dort mit einer Zigarette saß und in der Zeitung blätterte. Er hörte mir geduldig zu, wie ich ihm den Straßennamen nannte, sah mich an und schmunzelte. Dann wies er mit seiner Hand die Straße hinauf und erklärte mir, ich solle die nächste Straße rechts nehmen und dem Verlauf folgen, dann würde ich zu meinem Ziel kommen.
Ich bedankte mich und ging den beschriebenen Weg. Es dauerte wohl etwa zehn Minuten, dann stand ich wieder in der Straße mit dem Café, vor dem immer noch der alte Mann saß. Die Gasse, die er mir als Weg zu meiner gesuchten Straße beschrieben hatte, war U-förmig um den Standort des Cafés herum verlaufen.
Ich ging wieder zu dem alten Mann, er sah auf und sagte: „Et voilà.“ Dabei deutete er auf ein Haus gegenüber, an dem ein Schild mit dem Namen der Straße prangte, die ich gesucht hatte. Ich hatte es nicht gesehen und er hatte mich sozusagen einmal um den Pudding geschickt und hatte großen Spaß daran, wie mir sein Lachen verriet.
Ich glaube, er sagte dann „Viens ici, allemand“, während er auf den Stuhl neben sich deutete. Er gab mir einen Café au lait aus und wir unterhielten uns, bevor ich mich wieder von ihm verabschiedete.

Er hieß Bernard, war wohl so um die siebzig Jahre alt und gestern ist mir die Begegnung mit ihm wieder eingefallen. Als ich die Nachrichten aus Paris hörte, sah und las.

Ich habe bei meinen Aufenthalten in Frankreich sehr viele schöne Erlebnisse gehabt und viele tolle Menschen kennengelernt. Die meisten waren sehr hilfsbereit und gastfreundlich. Frankreich ist ein wunderschönes Land, ich habe mich dort immer wohlgefühlt.

Die Franzosen, die ich kenne, leben nicht in Paris. Aber betroffen sind sie trotzdem. Und ich fühle mich ebenfalls betroffen, weil man direkt nebenan bei guten Nachbarn getötet hat. Das macht mich fassungslos, traurig und auch wütend auf die Täter. Ich bin froh, dass Politiker vieler Länder ihre Solidarität mit Frankreich bekunden, die Menschen dort unterstützen wollen. Ich hoffe, dass das auch langfristig funktioniert, dass alle besonnen bleiben und die Ruhe bewahren, die in einer solchen Situation vonnöten ist.

Wir werden in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren erleben, ob und wie diese Anschläge mit so vielen toten und verletzten Menschen Europa und die Welt beeinflussen werden.

Ich bin in Gedanken bei den Opfern dieser Anschläge, bei meinen Nachbarn.
Ich wünsche ihnen all die Kraft, die sie brauchen, um mit dem Unfassbaren umzugehen.

Und uns allen wünsche ich Freundschaft, Zusammenhalt und kluges, überlegtes Denken und Handeln.
Jetzt und in Zukunft.

Man tötet meine Nachbarn. Ich will das nicht.

Magic carpet ride.

Meg

„Bist Du schon wieder angekommen?“ ist die Frage, die ich in den letzten 2 Wochen, seit der Rückkehr aus Kanada, am häufigsten höre. Dicht gefolgt von „Und, wann wanderst Du aus?“

Die erste Frage ist sehr leicht zu beantworten: Ja, leider. Das ging sehr schnell, nämlich, sobald ich auf deutschem Boden war, muss ich gestehen. Was mir vor Kanada nicht so klar und deutlich war, ist die schlechte Grundstimmung in Deutschland. Bevor man mir die Glorifizierung Kanadas vorwirft, sei hier anzumerken, dass ich nicht ausschliesslich aus der Sicht eines Touristen spreche, sondern eines Menschen, der, unter anderem, 6 Wochen lang auch einen Alltag hatte und sehr viele Menschen traf und kennenlernte, die dort leben, arbeiten und lieben.

In 10 Wochen ist mir kein einziger, unfreundlicher Mensch begegnet. Sehr schnell bestätigte sich auch der „Witz“:

„Woran erkennt man in einem  dunklen Raum mit 50 Personen den einzigen Kanadier? Er ist der…

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Magic carpet ride.

Unsere Medien, ihre Aufklärungspflicht, ihre Empathielosigkeit.

Nun ist es also schon so weit gekommen, dass ein Foto von einem ertrunkenen Kind im Netz die Runde macht. Es wird sich ganz unterschiedlich dafür gerechtfertigt, warum man dieses Foto teilt und meint, dass Menschen dies sehen sollten. Genauso wird sich auf der anderen Seite teils massiv und auch aus unterschiedlichen Gründen darüber empört, dass dieses Bild immer wieder veröffentlicht wird, inzwischen sogar mit einem Foto des Kindes anbei, auf dem es noch lebt.

Ich verlor einst meinen damals besten Freund durch Ertrinken. Er hatte sich in einem See in Ufernähe in Wasserpflanzen verheddert und konnte sich nicht allein befreien. Sein Leichnam wurde einige Tage von Tauchern gesucht, dann geborgen und ans Ufer gelegt.

In diesen wenigen Tagen hatte leider die örtliche Presse von der Sache erfahren und so trieb sich, für alle Beteiligten in höchstem Maße unangenehm, ein Fotograf dort herum und fotografierte, was immer er für interessant hielt. Die Geschichte landete dann auch in der Kleinstadtzeitung und fand aufgrund des Sommerlochs leider auch ihren Weg in die bundesweite Boulevardpresse und in das Regionalfernsehen. Die Geschichte wurde durch falsche Angaben und dreist dazufantasierte Details öffentlichkeitswirksam verramscht.

Das alles war absolut unerträglich für Freunde und Angehörige des Ertrunkenen. Es war furchtbar, von wildfremden Menschen auf das eigentlich so private Unglück plötzlich ganz öffentlich und zu jeder Zeit an jedem Ort angesprochen zu werden. Man drückte Mitleid aus, aber auch ganz unverhohlen Kritik am Verhalten des Toten, warum er denn dort allein geschwommen sei, das wäre ja nicht sehr klug gewesen, er sei ja dann auch ein Stückweit selbst schuld.

Sein am Ufer liegender Körper nach der Bergung wurde nicht fotografisch festgehalten und veröffentlicht, das konnte verhindert werden, indem dem Fotografen im Beisein zweier Polizisten mitgeteilt wurde, dass er von dem Toten keine Fotos machen dürfe.
Die Öffentlichkeit hatte auch ohne ein solches Bild genug über dieses Unglück erfahren, um zu kommentieren, zu urteilen oder auch zu helfen.

Die Chance, auf den Fotografen des im Internet inzwischen hinreichend geteilten Bildes des ertrunkenen Kindes einzuwirken, hatten Freunde und Angehörige vermutlich nicht. Und selbst wenn, wären sie sich der Folgen einer Genehmigung bewußt gewesen?
Und ohne die Genehmigung fehlt dann ja bedauerlicherweise die nötige Empathie, das Veröffentlichungs- und Teilverhalten in eine für das Kind, die Angehörigen und alle traumatisierten, geflüchteten Menschen, die dieses Bild vielleicht auch sehen, würde- und respektvolle Richtung zu lenken. Nämlich die, es nicht zu veröffentlichen.

Wir haben dank der Medien mittlerweile Zugriff auf mutmaßlich Millionen von grausigen Bildern, auf denen verzweifelte Menschen aus kriegszerrütteten Ländern zu sehen sind. Wir wissen dank der Medien von den Gründen, warum diese Menschen ihre Länder verlassen, beziehungsweise verlassen müssen. Wir haben Bilder gesehen von verletzten und verstorbenen Menschen, die es nicht bis zu uns oder in ein anderes sicheres Land geschafft haben.

Es ist eine humanitäre Katastrophe, die gerade passiert, und wir sind ein Teil davon.
Wir sind jetzt der helfende Teil, eine rettende Insel. Ich denke, diese Tatsache ist uns inzwischen klar geworden. Wenn nicht, nun, wir werden noch viele Monate und Jahre daran erinnert und darauf aufmerksam gemacht werden. Das ist auch bis zu einem gewissen Maße wichtig, damit wir nicht verdrängen und vergessen, zu helfen. Für eine sehr lange Zeit.
Dazu braucht es aber auch eine gehörige Portion Respekt. Respekt vor Menschen, die schlimmste Erlebnisse hinter sich und eine schwere Zeit in der Fremde vor sich haben.

Mit solchen Bildern treten wir in unserer offenbar grenzenlosen Empathielosigkeit die Würde der Toten und der Lebenden mit Füßen und machen sie wieder und wieder zu Opfern.
Das ist verletzend, respektlos und falsch und hat nichts mit Aufklärungspflicht und Hilfe zu tun.

Unsere Medien, ihre Aufklärungspflicht, ihre Empathielosigkeit.