Meine Frau und ich. Eine Liebesgeschichte mit bitterem Beigeschmack. Und Happy End.

Der folgende Text ist in Absprache mit meiner Ehefrau entstanden und wird mit ihrer ausdrücklichen Genehmigung von mir veröffentlicht. Ich nenne sie hier Karo, was nicht ihr richtiger Name ist aber das Schreiben und Lesen einfacher gestaltet.

Damals, als die Welt sich in ‚wir‘ und ‚die anderen‘ teilte und wir riesengroß wurden und einfach losflogen.

@kurzhaarschnitt, Twitter

Wenn ich heute an die Zeit des Kennenlernens meiner heutigen Ehefrau zurückdenke, fällt mir auch immer sofort unser erstes Date ein, bei dem ich mit den Worten „Darf ich?“ die Rechnung übernehmen wollte und sie darauf kodderschnäuzig antwortete „Nee, jeder zahlt für sich. Sonst fühl ich mich beim nächsten Mal verpflichtet, dich einzuladen, und wer weiß, ob ich das dann gerade will?“. Neben der Tatsache, dass sie ein weiteres Treffen in Betracht gezogen hatte (Yay!), hatte sie mich damit beeindruckt. Weil ich klare Ansagen mag, auch und gerade gleich beim Kennenlernen. Es erspart allen Seiten so viele Unannehmlichkeiten durch Spielchen.

Schon bei einem unserer bald darauffolgenden Treffen gab meine Frau ein weiteres Beispiel ihrer Direktheit zum Besten und fragte mich gerade heraus nach meinen Absichten mit ihr. Wörtlich fragte sie: „Sag mal, was wird das eigentlich hier mit uns? Willst du mich nur einfach irgendwann mal auf ein Bier zum Grillen mit deinen anderen Freunden einladen oder wird da mehr draus?“
Ich war amüsiert und erfreut und antwortete, dass ich mir definitiv mehr als ein Erscheinen zum Grillen von ihr erhoffte, und ob sie das denn bei unseren letzten Dates nicht gemerkt hätte.
Doch, hatte sie schon und ihr ging es ebenso, aber sie wollte halt einfach auf Nummer sicher gehen, weil sie mir etwas über sich erzählen wollte.


Liebe Leserinnen und Leser, Smartphones und Laptops ermöglichen uns, Texte wie diesen jederzeit und überall zu lesen, ob nun zu Hause, an der Arbeit in der Pause, im Wartezimmer beim Arzt oder, oder, oder. Jedoch gibt es Momente, in denen aus verschiedenen Gründen die Konfrontation mit manchen Themen für einige Menschen ein Problem darstellen kann. Damit Sie eine Chance haben, zu entscheiden, ob Sie diesen Text zu diesem Zeitpunkt lesen wollen/können, möchte ich Sie an dieser Stelle darauf hinweisen, dass er se*uellen M*ssbr*uch thematisiert.

Wenn Sie Hilfe brauchen: Hilfeportal Se*ueller M*ssbr*uch


Nun rechnete ich mit allerlei „Geständnissen“ von Dingen, die einem Menschen unangenehm sein können: Geldprobleme, körperliche oder gesundheitliche Nachteile, Perücken…
Was sie mir dann aber erzählte, war etwas ganz anderes.
Sie berichtete mir vom regelmäßigen sexuellen Missbrauch, der ihr, beginnend im Alter von acht Jahren, bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr durch einen nahen Verwandten angetan wurde. Es passierte immer wieder, es war brutal und mit Panik, Atemnot, blauen Flecken, Schürfwunden und Schmerzen verbunden, von den seelischen Belastungen und Folgen ganz zu schweigen. Er tat es immer wieder, bei sich zu Hause oder bei ihr in ihrem eigenen Kinderzimmer. Als Verwandter hatte er regelmäßigen Zugang zu ihr, da er oft mit ihren Eltern Kontakt hatte und ganz in der Nähe wohnte. Er fand immer Mittel und Wege, sein scheußliches Werk unentdeckt zu vollbringen.

Da Karos (inzwischen längst verstorbene) Mutter unter einer Herzkrankheit und unter Depressionen litt, drehte sich das Familienleben fast ausschließlich um sie und ihre Krankheiten. Karos Vater kümmerte sich um sie, wenn er nicht gerade arbeitete, die Mutter selbst arbeitete so gut sie konnte als Nachtwache in einem Pflegeheim. Karo und ihre Geschwister hatten früh zu lernen, sich selbst zurückzunehmen und wenn möglich für die Mutter da zu sein. Oder ihr aus dem Weg zu gehen, wenn sie sich um sich selbst kümmern musste. Mutter durfte nicht belastet werden.

Diese Konstellation sorgte nun also dafür, dass Karo sich ihrer Familie nicht anvertrauen konnte. Zudem waren die Drohungen von Karos Peiniger effektiv („Du wirst nichts sagen, sonst kriegt deine Mutter einen Herzinfarkt, stirbt vielleicht und du wärest schuld daran“), ihr Schamgefühl über das Geschehene und ihre Angst groß, so dass sie sich viele zermürbende Jahre nicht traute, überhaupt irgendjemandem von ihrer ganz persönlichen Hölle zu erzählen.

Natürlich gab es reichlich Anzeichen, an denen Eltern von FreundInnen, LehrerInnen oder auch andere Verwandte vielleicht hätten erkennen können, dass mit Karo einiges nicht stimmte.
Als sie die Barbiepuppen einer Freundin beim Spielen heftig aufeinanderschlug und sie mit großem Druck ihrer Hände übereinander auf den Teppich presste und äußerte, so ginge Sex. Sie machte dies immer wieder, bis die Mutter der Freundin Karo nicht mehr mit ihrer Tochter spielen ließ.
Als Karos Mutter sie wegen ihrer blauen Flecke am Rücken ansprach, die sie durch Zufall entdeckte, weil Karo sie nicht schnell genug vor ihr verbarg, und Karo log, dass die Flecken vom Toben draußen kämen, und die Mutter danach jahrelang nicht mehr nachfragte, wenn Karo immer mal wieder neue Flecken und Schürfwunden hatte.
Als Karo schon früh übermäßiges Essen als einzig positive Konstante in ihrem Leben entdeckte, weil ein voller Bauch sich gut anfühlte und leckeres Essen Spaß machte und den Kummer leichter verdrängen ließ, sie dadurch an Gewicht zulegte. Anstatt zu hinterfragen, warum das Kind so ungewöhnlich viel aß, setzte ihre Mutter sie bereits im Alter von neun Jahren auf Diät. Der Jojo-Effekt setzte ein, Karo lernte Weight Watchers kennen, bekam immer wieder neue Brigitte-Diäten und war allerlei anderen Essenseinschränkungen ausgesetzt, die die Mutter sich teilweise frei ausdachte. Karo bekam kein Essen mit zur Schule und wenn sie abends nach kargem Mahl noch Hunger hatte, wurde sie einfach ins Bett geschickt. So aß Karo heimlich, wann immer sie konnte, bei Nachbarn und Schulkameradinnen.
Auch ihre schulischen Leistungen wurden immer schlechter, dies wurde auf die früh einsetzende Pubertät von Karo geschoben. Manchmal schwänzte sie die Schule, aber dafür gab es Abhilfe: jener Verwandte, der sich sowieso regelmäßig an ihr verging, bot den Eltern an, sie an einigen Tagen zur Schule zu bringen, welche auf seinem Arbeitsweg lag. Eine schnelle, bequeme Lösung für die Eltern.
So wurde Karo auch einige Male auf dem Weg zur Schule von ihm missbraucht. Dass sie sich danach nicht mehr auf Grammatik, Formeln oder Geschichte konzentrieren konnte, verwundert nicht.
Sie wurde aggressiv gegen Mitschüler, die Karo wegen ihrer inzwischen außerhalb der gesellschaftlich festgelegten Normgrenzen liegenden Figur hänselten. Sie prügelte sich mit den Jungs, wurde frech und großschnäuzig gegenüber den LehrerInnen, kassierte Rügen und Tadel.
Selbst als sie einmal einem Klassenlehrer unter vier Augen andeutete, sie ginge nicht gern nach der Schule nach Hause, weil es da nicht so toll sei, wurde dies nicht weiter beachtet.

Der innere Druck wurde über die Jahre der Folter und Quälereien immer größer, die Angst vor jedem Zusammentreffen mit ihrem Vergewaltiger wuchs immer weiter, niemand hörte ihr zu, wenn sie sagte, dass sie ihn nicht mochte oder nicht mit ihm zur Schule fahren wollte. Als sie irgendwann einmal verzweifelt wagte, ihm zu drohen, dass sie nun doch alles erzählen würde, was er mit ihr machte, wurde er nur brutaler. Er wusste längst, dass ihm von ihr keine Gefahr drohte. Schließlich war er ja der nette, krawattetragende Schwiegersohntyp, immer freundlich zu jedermann, hatte einen guten Job und war überhaupt einfach ein guter Kumpel und Freund der Familie, wohingegen Karo das dicke Kind mit den schlechten Noten und dem schlechten Benehmen war, das in der Schule und zu Hause nichts als Schwierigkeiten machte.

Irgendwann nahm Karo allen Mut zusammen, ging zur Vertrauenslehrerin ihrer Schule und wollte ihr von ihrem Leben außerhalb der Schulzeit berichten. Als das Gespräch nach der Begrüßung ins Stocken geriet, weil die Lehrerin Karo vermittelt hatte, dass sie eigentlich gerade nicht sehr viel Zeit hätte, verließ Karo der Mut und unter einem Vorwand ging sie wieder.
Im Alter von etwa vierzehn Jahren vertraute sie sich ihrer besten Freundin an. Die allerdings war mit diesem Geständnis vollkommen überfordert, und so blieb es ein Geheimnis zwischen ihnen, was nach nur wenigen Gesprächen darüber wieder hinter der Mauer des Schweigens verschwand.

All diese Dinge erfuhr ich von Karo während unseres Kennenlernens, dieser verrückten, verliebten Phase, die man für gewöhnlich nur mit Zärtlichkeiten, Albernheiten und rosaroten Brillen in einer hormonbedingt wunderbar aufregenden Zeit verbringt, in der das Gehirn sich in Zuckerwatte räkelt und auch sonst die Welt um sich und die neue Liebe herum zum schönsten Ort des Universums wird.
Es war wie eine zweispurige Autobahn. Links die aufregende Überholspur, wo man mit Tempo und Adrenalin einem Ziel entgegensauste, rechts die Spur, auf der man nur schlecht vorankam, wo Frust die gute Laune verdrängte. Seitenstreifen und Rastplätze zum Nothalten oder Ausspannen gab es nicht. Es gab natürlich eine Ausfahrt, die ich hätte nehmen können, ganz am Anfang. Als Karo mir das erste Mal stockend in kurzen Worten und wenigen Sätzen umriss, was in ihrer Kindheit und Jugend geschah. Und was ihr das heute in mancherlei Hinsicht für Probleme bereitete.
Sie sagte mir, ich hätte nun die Möglichkeit, zu gehen, wenn ich mir eine Beziehung mit ihr nicht zutrauen würde.

Ich brauchte nicht zu überlegen, denn erstens hatte ich mich ja bereits ganz schön schnell und heftig in diese kluge kleine, kodderschnäuzige, starke und attraktive Person verliebt, und zweitens, hey, wer war ich denn, dass ich damit nicht fertigwürde?

„Ich hab einen Plan gemacht.“ „Erzähl.“ „Naja, er ist bunt. Und wir sind mittendrin, haben uns lieb und werden zusammen alt.“ „Guter Plan.“

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Ein naiver, verliebter Kerl, der sich in dieser Sache erstmal hoffnungslos selbst überschätzte. Das war ich. Das aber wurde mir erst so nach und nach klar.

Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt ging es manchmal mehrmals am Tag im Minutentakt. Alle Erinnerungen, die sie vertrauensvoll und teilweise von mir erfragt mit mir als erstem Menschen in ihrem Leben kompromisslos teilte, wurden in meiner regen Phantasie zu furchtbaren Bildern. Bilder, mit denen Karo seit Jahrzehnten gezwungen war, zu leben. Mich allerdings trafen diese Bilder nahezu unvorbereitet in einer Zeit, in der ich aufgrund meiner wachsenden Liebe zu ihr auch verletzlicher wurde. Das Gefühl von Wut und Ohnmacht, mit dem Karo so lange schon lebte, war für mich neu und schwer zu beherrschen. Ich wollte diesen Mann, der ihr all diese Schmerzen und Ängste bereitet hatte, unter dessen Körper sie manchmal beinahe erstickt war, mit meinen Fäusten zur Rede stellen, ihn vor Gericht zerren, damit er im Gefängnis verrotten möge.

Jemanden so sehr lieben, dass man ihn am liebsten nachträglich vor all dem Bösen beschützen will, was ihm in der Vergangenheit geschah.

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Aber ich musste mich beherrschen lernen und begreifen, dass dieser Mann aufgrund unseres überaus mangelhaften, teils funktionslosen Rechtssystems (Stichwort: Verjährung von Sexualstraftaten) und aufgrund seiner beruflichen Position straffrei davonkommen wird. Wie so viele, viele andere Sexualstraftäter.
Til Schweiger vertrat einmal in einer Talkshow zum Thema sexueller Missbrauch eine klare Position und wetterte einmal mehr auf seine bekannte, trotzig wütende Art „Deutschland ist ein Täterland!“. Er hat recht. Wenn man sich auf den Weg durchs Internet macht, um alles über das Thema Missbrauch, Vergewaltigung und die Strafverfolgung der Täter zu erfahren, stößt man auf Dinge, die man eigentlich lieber nicht wissen wollte.

Zum Beispiel auf Rechtsanwaltskanzleien, die sich auf Sexualstraftäter als Klientel spezialisiert haben und versprechen, dass sie es schaffen die Opfer ihrer Taten so zu diskreditieren, dass sie im Verlauf eines Gerichtsverfahrens schlechter dastehen werden, als der eigentliche Täter. Da kommt einem beim Lesen schon ein bisschen Kotze mit hoch.
Oder es fällt einem einfach generell die Nachrichtenerstattung zum Thema sexueller Missbrauch bei mehr oder weniger prominenten Menschen auf.

Da liest man, sensibilisiert für dieses Thema, Randnachrichten von einem Stiefvater drei Dörfer weiter, der seine Stieftochter über Jahre missbraucht haben soll, aber mangels Beweisen letztlich auf freien Fuß gesetzt wird und wieder in das Haus zurückkehren kann, in dem die Stieftochter auch immer noch lebt. Oder erfährt, dass Pola, die nach Nastassja weitaus unbekanntere Tochter von Klaus Kinski, als Kind über Jahre brutal von dem Schauspieler vergewaltigt wurde. Was diverse Menschen überhaupt nicht davon abhält, ihn weiterhin auch post mortem für sein vermeintlich außergewöhnliches Talent zu bewundern, klar, das muss man natürlich trennen. Da ignoriert man halt einfach diese unappetitliche Sache, von der die Tochter in einem Buch berichtet.
Oder man liest von Woody Allen, dessen Tochter Dylan von Presse und Öffentlichkeit schlicht Lüge unterstellt wurde und deren Hilferufe auch heute noch hinter der weltweit anerkannten Großartigkeit Woody Allens und der Ignoranz Hollywoods nahezu ungehört verhallen.
Generell möchte die Öffentlichkeit solche Geschichten nur kurz und reißerisch aufgemacht konsumieren, so für die tägliche Empörung und das gymnastische Kopfschütteln, aber über längere Zeit möchte man dann doch nicht immer wieder damit konfrontiert werden. Es kratzt ja auch unangenehm am mühsam aufrechterhaltenen heilen Weltbild.

Nun, zurück zu meiner Beziehung: Ich musste also sehr, sehr viel lernen. Und das tat ich. Ich sprach nicht nur mit Karo über das Erlebte, wann immer sie wollte und konnte, ich informierte mich im Internet über sexuellen Missbrauch und die langfristigen Folgen für die Opfer, kaufte Bücher von Menschen, die selbst eine solche oder ähnliche Folter erlitten und überlebt hatten und Bücher für Angehörige von Überlebenden. Denn das sind sie, jene Menschen, die sich nicht aus Verzweiflung, Angst, Schmerz und Scham ihr eigenes Leben genommen haben, weil es für sie nicht aushaltbar war, und das sind leider viele. Viele, von denen oft niemand je den wahren Grund ihres Suizids erfährt.

Ich musste lernen, mit Karo richtig umzugehen, dass ich ihr beispielsweise, wenn sie auf dem Sofa eingeschlafen war, nicht einfach über ihr stehend einen Kuss zum Wecken geben durfte. Weil es sie erschrecken konnte, wenn sie geweckt wird und ein Schatten über ihr steht.

Ich lernte, in Karo jetzt nicht auf einmal nur noch das Opfer zu sehen, sondern auch die starke und besondere Frau, die sie trotz allem und nach ihren Worten erst recht geworden war.

Blickduell bis einer lacht. Meine Frau verliert meist, ich darf mir dann was wünschen und das ist ein Kuss und irgendwie sind wir Teenager.

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Denn trotz ihrer üblen Vergangenheit hat sie gekämpft, Ausbildungen abgeschlossen, ihr Abitur nachgeholt und steht nun kurz vor Beendigung eines anspruchsvollen technischen Studiums, dass sie sich mit Nebenjobs mühsam erarbeitet hat. Das ist alles andere als selbstverständlich, wenn einen Erinnerungen an das Erlebte immer und zu jeder Zeit an jedem Ort plötzlich wieder einholen können. Wenn zum Beispiel ein Kommilitone dasselbe Rasierwasser wie der Peiniger der Vergangenheit benutzt hat und einem davon schwindlig und übel wird und man keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, um nur ein Beispiel zu nennen.

Heute weiß ich, was Flashback, Trigger und posttraumatische Belastungsstörung bedeutet.
Ich weiß, dass die Suche nach einem passenden Therapeuten für Überlebende von sexuellem Missbrauch unfassbar schwer ist, dass man mindestens etwa ein Jahr Wartezeit auf eine Therapie einplanen muss. Ebenfalls habe ich in Erfahrung gebracht, dass sexueller Missbrauch während eines Psychologiestudiums für die Studenten eher ein Randthema ist und dass es deutschlandweit nur eine Handvoll wirklich gut auf diese Thematik spezialisierte PsychologInnen gibt. Was einen bei der Häufigkeit von sexuellem Missbrauch bei Mädchen und Jungen erschreckt: allein 2014 wurden bundesweit 14.395 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern registriert (Polizeiliche Kriminalstatistik 2014). Das sogenannte Dunkelfeld der nicht angezeigten Fälle liegt zahlenmäßig weitaus höher.

Die meisten Delikte passieren im familiären Umfeld. Durch die eigenen Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde der Familie.

Ich lernte, dass die Missbrauchsüberlebenden oft viele Jahre, manche ein ganzes Leben lang, die an ihnen begangenen Gewalttaten in Gesprächen mit anderen und für sich selbst banalisieren, um mit dem Horror zurechtzukommen und einen halbwegs funktionierenden Alltag zu leben. Und das diese Banalisierung dazu führen kann, dass Menschen tatsächlich glauben, sexueller Missbrauch sei für manche „gar nicht so schlimm, es käme ja vermutlich auch darauf an, wie man an die Sache herangeht“. Ein solches, schockierendes Gespräch führte ich einst mit einem Freund, der sich von mir in keiner Weise mit Fakten irritieren ließ und möglicherweise auch noch heute an seiner Irrmeinung festhält. Ich weiß es nicht, denn ich kündigte ihm seinerzeit die Freundschaft.
Des Weiteren begriff ich, dass auch unsere Gesellschaft ein Problem mit „starken Opfern“ hat, Menschen also, die zwar zu Opfern gemacht wurden, dies aber überlebt haben und es schaffen, selbstbewusst und selbstbestimmt zu leben. Denn sobald sie das tun, erregen sie nicht mehr ausreichend Mitleid, auch hier ist dann schnell die Vermutung bei der Hand, es sei wohl doch nicht so schlimm gewesen.

Ich könnte hier nun die Liste der Dinge, die ich zu lernen hatte, beliebig weit fortführen, denn ich lerne noch heute, ich bin noch heute und bis in alle Ewigkeit wütend über solche Taten und auf die Täter, wütend auf unser Rechtssystem und wütend auf unsere Gesellschaft, die verdrängt und sich mit so naiven Sätzen wie „…aber der hat immer freundlich gegrüßt, war gut gekleidet und ist immer so lieb mit seinen Kindern umgegangen“ aus jeder Verantwortung herausstiehlt. Oder Victim Blaming à la „Warum hat sie denn nicht einfach was gesagt, dann hätte man ihr auch geholfen, aber wenn sie halt all die Jahre schweigt, tja.“, wenn man also dem Opfer die Schuld zuschiebt, die ausschließlich dem Täter zuzuschreiben ist.
Wütend bin ich auf Mütter oder Väter, die wie im Fall meiner heutigen Ehefrau ihrem Job nicht nachkommen und gefälligst aufmerksam sind und für ihre Kinder ein Klima schaffen, in dem sie sich trauen, ihren Eltern alles zu sagen, was sie erleben. Auch der Mutter, wenn der Vater der Täter ist und umgekehrt. Natürlich ist das nicht einfach, schon gar nicht, wenn man krank ist.
Aber Eltern sind es ihren Kindern schuldig, alles dafür zu tun, alles zu versuchen. Und wenn sie es selbst nicht können, müssen sie eine Möglichkeit finden, dem Kind trotzdem gerecht zu werden, zur Not eben mit Hilfe von außen, von Ämtern oder Hilfsvereinen.
Zu Lasten der Kinder darf auch eigene Krankheit nicht gehen.

Wütend bin ich auch über die Tatsache, dass in diesem Land deutlich zu wenig bis gar nichts für die Opfer von Gewaltverbrechen getan wird. Darum müssen sich Vereine kümmern, die dies zwar zum Teil ganz großartig machen, aber bei Weitem nicht die Menge Menschen erreichen können, die Hilfe benötigen, zumal es an Geld und somit Arbeitskräften mangelt.
Deutschland ist ein Täterland.

Ach ja, und ich bin ebenfalls wütend auf den Teil unserer Gesellschaft, der die Objektifizierung von Frauen und Kindern toleriert oder gar akzeptiert und fördert und nicht mindestens sein Wort dagegen erhebt. Denn auch das trägt durchaus seinen Teil zu solcher Art Verbrechen bei, denn nicht alle Täter sind Pädophile. Nein, es sind noch dazu auch Menschen, die das Gefühl von Macht brauchen, wollen und genießen, das sie in einem Moment der Vergewaltigung von Kindern oder generell schwächeren Menschen empfinden. Und auch „Gelegenheitstäter“ gibt es in dieser Sparte des Verbrechens. Jenen und allen anderen muss man nun wirklich nicht anhand von beispielsweise Fotos in Kinderbekleidungskatalogen mit deutlich minderjährigen Mädchen in knappen und auf sexy getrimmten Klamotten vermitteln, dass es okay wäre, Kinder als Sexobjekt zu begreifen.

By the way: Es nervt mich kolossal, dass wir im Jahr 2016 überhaupt noch über Objektifizierung von Frauen und Kindern diskutieren müssen.
Wir leben alle in und mit dieser Gesellschaft und haben die Pflicht, sie für alle Menschen gleichsam lebenswert zu gestalten. Was soll also der Blödsinn mit der Benachteiligung und Abstempelung von Menschen aufgrund beispielsweise ihres Geschlechts? Je länger man darüber nachdenkt, desto absurder wird es.

Und Sie? Was ist eigentlich mit Ihnen? Haben Sie sich schon mal näher als mit dem Lesen reißerischer Zeitungsartikel mit dem Thema sexueller Missbrauch und seine Folgen für jene, die ihn erleiden mussten, beschäftigt? Nein? Brauchten Sie bisher nicht, weil Sie ja so jemanden auch gar nicht kennen?

Bedenken Sie mal die statistisch erfasste Zahl der Menschen, die sexuellen Missbrauch durchleiden mussten und dies angezeigt haben (zur Erinnerung: allein 2014 waren dies 14.395, ähnliche Zahlen kommen JEDES JAHR noch dazu) und zählen Sie nochmal ganz viele Menschen dazu, die sich wie meine Frau im sogenannten Dunkelfeld befinden, weil sie aus Gründen nicht in irgendwelchen Statistiken als nachweisbare Größe auftauchen (können) und gezählt werden.

Und wenn Sie das nun alles bedenken, wie hoch, glauben Sie, ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass Sie im Laufe Ihres Lebens einem oder mehreren Menschen begegnen, die sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren oder Kindern, die es gerade jetzt zu dieser Zeit sind? Meiner persönlichen Meinung nach liegt diese Wahrscheinlichkeit vermutlich im Bereich zwischen achtzig und einhundert Prozent, wenn Sie nicht als einsamer Eremit ohne jeden Menschenkontakt in den Bergen leben.
Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie mit einem sexuell missbrauchten Menschen beruflich oder privat intensiver zu tun haben?

Wenn Sie bis hierher aufmerksam folgen konnten, dürfte Ihnen langsam klar werden, warum ich der Meinung bin, dass jeder Mensch über sexuellen Missbrauch und die Folgen informiert sein sollte. Um adäquat zu reagieren, beispielsweise.

Ich wäre im Nachhinein sehr dankbar gewesen, wenn ich über dieses unsägliche Thema schon vor dem Kennenlernen meiner Frau Informationen gehabt hätte. Ich wäre gern schon viele Jahre früher darüber aufgeklärt worden, dass es das gibt, dass vermutlich noch viel mehr Menschen in meinem Umfeld betroffen waren und sind und worauf man bei Menschen und Kindern achten kann, um vielleicht frühzeitig zu helfen. Was es für diese Menschen bedeutet, so etwas durchgemacht haben zu müssen, dass sie zum Beispiel Scham empfinden, obwohl sie absolut nichts für das können, was ihnen angetan wurde. Aber es betrifft eben einen höchst intimen, privaten und oft reichlich tabuisierten Bereich. Und werden die Täter nicht auch immer noch „Kinderschänder“ genannt, obwohl dieser unsägliche Begriff impliziert, dass das Kind „geschändet“, also mit einer Schande belegt wurde und mit dieser nun für immer gebranntmarkt wie mit einer Verurteilung herumläuft? Es sind Gewalttäter, Sexualstraftäter. Auch nicht „Sexgangster“ (was nach angesagtem Rapperslang klingt und dem Ganzen auch noch einen Coolness-Stempel verpasst) oder „Sextäter“, zumal solche Taten mit eigentlichem Sex rein gar nichts zu tun haben. Sex bezeichnet in unserem allgemeinen Sprachgebrauch sexuelle Handlungen zwischen zwei oder mehreren einvernehmlich handelnden Sexualpartnern.
Ein Vergewaltiger und sein Opfer sind das NIEMALS.

Letztlich halfen mir meine gesammelten Informationen, um mit der Vergangenheit meiner Frau und mit meiner Frau selbst mit der Zeit richtig umzugehen, da ein Ignorieren des Themas für mich und meine Liebe zu dieser wunderbaren Frau keine Option darstellte. Mit vielen Informationen konnte ich auch meiner Frau den Halt geben, den sie braucht und haben möchte. Und in vielen Gesprächen konnte meine Frau auch mir Halt geben in den schwachen Momenten, in denen mir alles über den Kopf zu wachsen drohte.

Sie macht immer irgendetwas Niedliches, Großartiges oder Leidenschaftliches. So bleib ich ewig in meine Frau verliebt und das ist ihr Trick.

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Es war alles nicht einfach. Heute, nach den vielen, sehr offenen und ehrlichen Gesprächen und der gemeinsamen Verarbeitung, ist manches etwas leichter geworden. Karo und ich sind ein eingespieltes Team, empfinden uns als Einheit, als Verbündete, die alles miteinander teilen und einander vertrauen.

Falls Sie heute ein miteinander tanzendes Paar auf einem Supermarktparkplatz angehupt haben: sorry, meine Frau und ich hatten halt Laune. 🙂

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Wir hoffen und wünschen, dass dies und unsere Liebe zueinander unser Leben lang ausreichen werden, um psychisch gesund zu bleiben und gemeinsam und in Frieden alt zu werden. Wir haben so unglaublich viele glückliche Momente, auf die wir in unserer Erinnerung immer zurückgreifen können. Wir haben beide Humor, der uns beim Manövrieren durch etwas kompliziertere Gewässer hilfreich zur Seite steht, genau wie einige sehr gute Freunde und meine Eltern, die meine Frau heute wie eine eigene Tochter behandeln und lieben.

Es muss sich viel ändern. In unserem Rechtssystem, in unserer Gesellschaft. Ich wünsche mir in unser aller Interesse, dass dies auch passiert. Mögen sich die Dinge zum Guten wenden und tragen Sie, liebe Leserinnen und Leser, gern dazu bei, wo und wann immer Sie können.

Meine beste Selbstoptimierungsmaßnahme bisher? Die Frau an meiner Seite.

@kurzhaarschnitt, Twitter

Ich danke Ihnen für das Lesen dieses Blogtextes.

Wenn Sie Hilfe brauchen, finden Sie sie zum Beispiel hier: Hilfeportal Sexueller Missbrauch

Meine Frau und ich. Eine Liebesgeschichte mit bitterem Beigeschmack. Und Happy End.

Körperwelten.

Meg

Ich wünschte, mir wäre so eine Szene aus der Dove-Werbung passiert, in der ich mich selbst male und dann von jemand anderem gemalt oder beschrieben werde. Und das Bild, was von mir gemalt oder beschrieben wird, stimmt mit dem Bild überein, das ich malte oder beschrieb.

Das würde bedeuten, dass ich mit mir im Reinen bin.

Manchmal überlege ich, ob ich eine Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis mache und die Leute bitte, 3 Attribute aufzuzählen, die ihnen zu meiner Person einfallen. Sie können den Charakter oder das Aussehen beschreiben.
Doch das lasse ich, denn ich kenne das Ergebnis, schließlich habe ich das Drehbuch geschrieben und halte mich daran.

So leicht es mir fällt, Perfektionen an anderen Menschen auszumachen, zu beschreiben und mich daran zu entzücken, so sehr feinde ich meinen eigenen Körper an und frage mich, ob es erst ein bestimmtes Alter oder ein schwerwiegendes Erlebnis braucht, um ihn lieben…

Ursprünglichen Post anzeigen 731 weitere Wörter

Körperwelten.

Unsere Medien, ihre Aufklärungspflicht, ihre Empathielosigkeit.

Nun ist es also schon so weit gekommen, dass ein Foto von einem ertrunkenen Kind im Netz die Runde macht. Es wird sich ganz unterschiedlich dafür gerechtfertigt, warum man dieses Foto teilt und meint, dass Menschen dies sehen sollten. Genauso wird sich auf der anderen Seite teils massiv und auch aus unterschiedlichen Gründen darüber empört, dass dieses Bild immer wieder veröffentlicht wird, inzwischen sogar mit einem Foto des Kindes anbei, auf dem es noch lebt.

Ich verlor einst meinen damals besten Freund durch Ertrinken. Er hatte sich in einem See in Ufernähe in Wasserpflanzen verheddert und konnte sich nicht allein befreien. Sein Leichnam wurde einige Tage von Tauchern gesucht, dann geborgen und ans Ufer gelegt.

In diesen wenigen Tagen hatte leider die örtliche Presse von der Sache erfahren und so trieb sich, für alle Beteiligten in höchstem Maße unangenehm, ein Fotograf dort herum und fotografierte, was immer er für interessant hielt. Die Geschichte landete dann auch in der Kleinstadtzeitung und fand aufgrund des Sommerlochs leider auch ihren Weg in die bundesweite Boulevardpresse und in das Regionalfernsehen. Die Geschichte wurde durch falsche Angaben und dreist dazufantasierte Details öffentlichkeitswirksam verramscht.

Das alles war absolut unerträglich für Freunde und Angehörige des Ertrunkenen. Es war furchtbar, von wildfremden Menschen auf das eigentlich so private Unglück plötzlich ganz öffentlich und zu jeder Zeit an jedem Ort angesprochen zu werden. Man drückte Mitleid aus, aber auch ganz unverhohlen Kritik am Verhalten des Toten, warum er denn dort allein geschwommen sei, das wäre ja nicht sehr klug gewesen, er sei ja dann auch ein Stückweit selbst schuld.

Sein am Ufer liegender Körper nach der Bergung wurde nicht fotografisch festgehalten und veröffentlicht, das konnte verhindert werden, indem dem Fotografen im Beisein zweier Polizisten mitgeteilt wurde, dass er von dem Toten keine Fotos machen dürfe.
Die Öffentlichkeit hatte auch ohne ein solches Bild genug über dieses Unglück erfahren, um zu kommentieren, zu urteilen oder auch zu helfen.

Die Chance, auf den Fotografen des im Internet inzwischen hinreichend geteilten Bildes des ertrunkenen Kindes einzuwirken, hatten Freunde und Angehörige vermutlich nicht. Und selbst wenn, wären sie sich der Folgen einer Genehmigung bewußt gewesen?
Und ohne die Genehmigung fehlt dann ja bedauerlicherweise die nötige Empathie, das Veröffentlichungs- und Teilverhalten in eine für das Kind, die Angehörigen und alle traumatisierten, geflüchteten Menschen, die dieses Bild vielleicht auch sehen, würde- und respektvolle Richtung zu lenken. Nämlich die, es nicht zu veröffentlichen.

Wir haben dank der Medien mittlerweile Zugriff auf mutmaßlich Millionen von grausigen Bildern, auf denen verzweifelte Menschen aus kriegszerrütteten Ländern zu sehen sind. Wir wissen dank der Medien von den Gründen, warum diese Menschen ihre Länder verlassen, beziehungsweise verlassen müssen. Wir haben Bilder gesehen von verletzten und verstorbenen Menschen, die es nicht bis zu uns oder in ein anderes sicheres Land geschafft haben.

Es ist eine humanitäre Katastrophe, die gerade passiert, und wir sind ein Teil davon.
Wir sind jetzt der helfende Teil, eine rettende Insel. Ich denke, diese Tatsache ist uns inzwischen klar geworden. Wenn nicht, nun, wir werden noch viele Monate und Jahre daran erinnert und darauf aufmerksam gemacht werden. Das ist auch bis zu einem gewissen Maße wichtig, damit wir nicht verdrängen und vergessen, zu helfen. Für eine sehr lange Zeit.
Dazu braucht es aber auch eine gehörige Portion Respekt. Respekt vor Menschen, die schlimmste Erlebnisse hinter sich und eine schwere Zeit in der Fremde vor sich haben.

Mit solchen Bildern treten wir in unserer offenbar grenzenlosen Empathielosigkeit die Würde der Toten und der Lebenden mit Füßen und machen sie wieder und wieder zu Opfern.
Das ist verletzend, respektlos und falsch und hat nichts mit Aufklärungspflicht und Hilfe zu tun.

Unsere Medien, ihre Aufklärungspflicht, ihre Empathielosigkeit.

Stehen wir für uns und andere ein. Das steht uns gut.

Da haben wir nun jahrzehntelang auf dem Rücken ärmster Menschen unseren Reichtum genährt. Lassen uns wissentlich immer noch jeden Tag neue „Supergünstig, war ein Schnäppchen!“-Kleidung von Kindern in wirtschaftlich benachteiligten Ländern fertigen.
Wir wissen mittlerweile schon lange von den Arbeitsbedingungen jener schlecht bezahlten und ohne Arbeitsschutz schuftenden Arbeiter, die die Edelmetalle für unsere Smartphones und Laptops aus der Erde herauswühlen.
Oder unser geliebter „Cool, die Kapseln hier sind im Preis dauerhaft gesenkt worden!“-Kaffee, dessen Bohnen von Menschen geerntet werden, die nicht mal so viel Geld dafür bekommen, dass sie sich medizinische Versorgung, geschweige denn Schulbildung für ihre Kinder leisten können.
Es gibt Fair-Trade-Kaffee? Gutes Argument. Allein, es kaufen nicht genug Menschen diesen Fair-Trade-Kaffee. Er ist nämlich teurer. Schmeckt auch irgendwie nicht wie der seit Jahren gewohnte Automatenkaffee, wir mögen keine Veränderungen.
Und überhaupt ist es einfacher und macht viel mehr Spaß, die Käufer von solchen Produkten mit billigen Witzchen zu verspotten, anstatt am eigenen Konsumverhalten zu drehen.

Genau wie wir auch Vegetarier oder Veganer oder wählerische Öko-Allesesser auslachen und mit herabsetzenden Sprüchen versorgen, so oft wir nur die Gelegenheit dazu bekommen. Diese Salatfresser, diese Bio-Fleisch-Extremisten.
Ja, klar wissen wir, dass das Fleisch in unserem Döner, unserer Currywurst oder in unserem Burger von Tieren kommt, die ein elendes Leben in furchtbarer Enge verbringen mussten, die statt Wiesengras und Suhle nur ihren künstlich beleuchteten Stall und die eigenen Exkremente kennenlernten, die Schmerzen vom Stehen oder vom Hocken auf der übergroß gezüchteten Putenbrust hatten, deren Leben von Krankheit und Geschwüren bestimmt wurde und deren Hauptnahrung deshalb Antibiotika waren. Deren Tod meist extrem qualvoll und mit unfassbaren, nicht aushaltbaren Ängsten einherging.
Aber wehe wehe, der Supermarktaufschnitt oder gar unser Grillfleisch wird teurer oder wäre nicht mehr jederzeit in übermäßiger Menge verfügbar, nur damit die Tiere nicht mehr gequält werden. Lieber verdrängen wir die Bilder.

Wir wissen, dass unser Staat diversen Unternehmen gestattet, Waffen verschiedenster Art in Krisengebiete (Krise = Krieg. Nur für die, die dem Verharmlosungsvokabular unserer Politiker und Medien auf den Leim gegangen sind) zu liefern und damit billigend in Kauf nimmt, dass von diesen Waffen viele Menschen getötet werden. Ob die Getöteten irgendeiner bösen Tat schuldig sind oder nicht, entzieht sich unserer Urteilskraft, ist aber jetzt auch nicht so wichtig, ist eben Krieg, ach nein, Krise, tja nun, was soll man machen.
So haben wir wenigstens Arbeitsplätze gesichert. Alles für die Arbeit, alles für den Mammon, ohne den ja auf unserer Welt nichts mehr läuft.

Denn so ist unsere Welt aufgebaut. Seit Henry Ford die Fließbandarbeit einführte und auch gleich weitermachte mit der Ausbeutung der Arbeiter, die viel zu viele Stunden am Stück an diesen Fertigungsstraßen stehen und für kleines Geld ackern mussten. Seitdem sind wir Industrie. Menschen sind heute „Humankapital“, an dem zu sparen man sich müht. Es muss schließlich alles immer günstiger für die Käufer werden, fragen Sie mal einen Betriebswirtschaftler. Wenn Sie sensibel sind, nehmen Sie dazu eine Tüte für Ihr Erbrochenes mit.

Unsere Welt tickt laut im Takt des Geldes, nicht der Menschlichkeit. Wir respektieren etwas nur noch, wenn es einen Wert hat, und der Wert eines Lebewesens oder einer Sache oder eines Lebewesens, das als Sache gilt, wird in Geld gemessen.
Wieviel Geld ist es wert, wieviel bringt es ein? Das sind die Fragen, die wir uns ständig stellen.
Und die von anderen gestellt werden, die uns bewerten. Und dieses Bewertet-werden und Bewerten macht kein gutes Gefühl. Wirklich nicht. Niemandem.

Der Mensch ist ein gehetztes Tier geworden, von Erwartungen verfolgt, von privilegierten Menschen und deren System immer massiver unter Druck gesetzt. Und je mehr diese Entwicklung seit Beginn der Industrialisierung voranschritt, desto mehr haben wir uns von dem entfernt, was wirklich gut tut. Werbung und salbungsvolle Politikerworte haben uns eingenebelt. Und wir glaubten das alles und verlernten, wie und womit man sich und anderen Gutes tun kann.
Denn anderen Gutes tun, das können und wollen wir kaum noch. Den Wenigen, die wir uns dafür aussuchen, denen ja. Das können unsere Kinder sein, unsere Freunde, unser Hund, vielleicht sogar unser Nachbar in der Neubausiedlung. Die kennen wir ja schließlich auch, und vom Nachbarn können wir ja auch was zurückerwarten. Eine Hand wäscht die andere.

Aber dieses Motto gilt für uns nicht in Bezug auf fremde Menschen, nein, schließlich kennen wir die ja gar nicht. Sicher dürfen sie für uns die Kohlen in ihren Ländern aus dem Feuer holen, damit wir hier billige Konsumgüter aus aller Welt haben, die permanent erreichbare Rundum-Auswahl, die uns ein vermeintlich gutes Gefühl von selbstverständlichem Luxus vermittelt.
Aber die sollen in ihren Ländern bleiben. Gefälligst. Die nehmen uns ja hier sonst alles weg, ganz sicher.
Und wer macht überhaupt dann da in diesen Ländern überall unsere Drecksarbeit? Haben Sie sich das mal überlegt?
Schließlich wollen wir nicht verzichten. Auf nichts und auf gar keinen Fall.

Ja, das muss man sich mal vorstellen, die kommen hierher zu uns, wollen so leben wie wir, oder auch „nur“ dem Krieg in ihrem Land entkommen, der vielleicht mit unseren Waffen geführt wird, und keiner sorgt mehr dafür, dass wir billige Mode tragen können, möglichst jeden Monat oder jede Woche neu, die mit giftigsten Farben stylish gefärbt wurde von Frauen, die dabei nicht mal Schutzhandschuhe trugen. Und über keine Möglichkeiten verfügten, die giftige Farbsuppe, die übrig blieb, ordnungsgemäß zu entsorgen, sondern sie in den nahegelegenen Fluss leiteten. Mit dessen Wasser sie ihre Wäsche und ihre Kinder wuschen und das Abendessen zubereiteten, sofern sie sich eines leisten konnten von ihrem Hungerlohn.
Und diese giftige Farbsuppe landete dann im Meer. Da, wo überhaupt sehr viel Abfall landet. Großer Abfall, kleiner Abfall, mikroskopisch kleiner Abfall, chemischer Abfall. Und das unterstützen wir. Aber egal, solange die Strände unserer Urlaubsziele nur hübsch genug bleiben, ist alles in Butter.

Apropos Urlaubsziele: Es ist ja ein Skandal eigentlich, dass es aufgrund der Kriege und Anschläge immer weniger sichere Urlaubsziele gibt, zu denen wir mit Erdöl verschwendenden Flugzeugen für kleines Geld hinfliegen können, nicht wahr? Da kann der Staat ja auch mal was machen. Na los, Staat!

Das können wir ganz gut, nach dem Staat rufen, bei wirklich allen Problemen und Unbequemlichkeiten. Der Staat soll dies regeln, der Staat soll dort eingreifen, der Staat muss uns unterstützen, schützen, uns den Allerwertesten abwischen.
Da der Staat uns über Jahrzehnte immer mehr abgenommen hat, unsere Eigenverantwortung kontrollierend minimiert hat, ist es natürlich kein Wunder, dass wir immer gleich nach Vater Staat und „Mutti Merkel“ rufen oder sie wahlweise ober- und unterhalb der Gürtellinie angreifen, weil alles nicht so läuft, wie wir es gerne hätten. Ist ja aber auch ein Elend, hier in Deutschland zu leben. Alles schlimm, alles. Warum wollen die Menschen bloß hierher flüchten? Ein Rätsel.

Wir sind quengelnde, verwöhnte Kinder, die in einem Übervater-Staat leben, der permanent um sein Humankapital, die Arbeiter und Konsumenten, kreist und sie manipuliert, ihnen Ängste einredet und dann mit rhetorisch wohlgewählten Worten wieder in Sicherheit wiegt, damit sie nicht aufstehen, nicht eigenständig denken und handeln, damit sie funktionieren in unserem Wirtschaftsunternehmen Deutschland GmbH & Merkel KG.
Okay, wir werden zwar inzwischen reihenweise krank, leiden an Depressionen und reichlich anderen Krankheiten, die durch den massiven Druck, der auf uns lastet, ausgelöst werden, aber das wird schon wieder. Irgendwie. Aber wie?

Verantwortung übernehmen, jeder auf seine Weise, durch Mund aufmachen und/oder Handeln, das können viele gar nicht mehr so richtig, das wurde uns ja immer abgenommen.
Wir kommentieren mit grenzenlosem Erschrecken und Hassparolen die rechtsradikalen Ausschreitungen vor Flüchtlingsunterkünften. Und nein, ich habe auch kein Verständnis für die rechtsradikalen besorgten Steinewerfer, aber deren Hass und Dummheit mit Hass und Gegendummheit zu begegnen, ist nicht der klügste Weg. Nie gewesen, wir brauchen keinen Bürgerkrieg. Diese Menschen gehören vom Gesetz bestraft, ja, aber wir müssen uns mit der Ursache beschäftigen.
Mit Ungleichheit und Ungerechtigkeit, mit schlechter Bildung und Menschen, die das System abgehängt und auf Abstellgleise gestellt hat.

So wie die Welt ist, kann und wird sie nicht bleiben. Wir und die Generationen vor uns haben sie verändert und vieles darin zerstört. Das muss aufhören, und unsere Politiker werden das nicht alleine schaffen können oder wollen.
Es gilt, zusammenzustehen und Verantwortung zu übernehmen. Dauerhaft Überzeugungsarbeit zu leisten, Veränderungen zum Positiven herbeizuführen und beizubehalten. Niemand sollte mehr schweigen. Jeder sollte in dieser derzeit unübersichtlichen und – nicht wegen der Flüchtlinge, auf die Menschen ihren Frust und ihre Ängste projizieren – schwierigen Gesamtsituation versuchen, etwas zum sogenannten Gemeinwohl beizutragen. Ein angestaubter Begriff, er meint aber etwas sehr Gutes, nämlich das Wohlergehen der Allgemeinheit. Das sind nicht nur die anderen, das sind auch Sie selbst. Und unsere Gäste, egal, wann und ob sie gehen oder bleiben. Sie sind nicht gekommen, um uns zu schaden, sie gehören nicht mit Gewalt empfangen und sie können eine große Bereicherung für uns alle sein. Wenn wir es zulassen.

Wir stehen in der Pflicht zurückzugeben, was wir Mensch und Tier weltweit gestohlen haben. Gestohlen für vermeintlich Wichtiges, wie man uns suggeriert.
Wir haben genug abzugeben und ja, wir können sogar verzichten und sollten nicht darauf warten, dass der Staat das schon irgendwie irgendwo irgendwann regelt.
Und bevor jetzt jemand daherkommt und mit den Hartz-IV-Empfängern argumentiert, die ja wohl nichts abzugeben haben: nein, natürlich haben sie das nicht. Im Gegenteil. Nutzen wir doch gerne die Gelegenheit und kümmern uns auch um unsere eigenen Armen, anstatt sie zu bashen und „Hartz IV“ als Teil herabsetzender Beschimpfungen für Menschen zu benutzen. Helfen wir unseren Obdachlosen, helfen wir unseren Hartz-IV-Empfängern, stehen wir für eine große Veränderung in der Politik ein, die bei der Verteilung unserer Steuern in Zukunft sozialer verfahren könnte.

Sagen und schreiben wir unsere Ansichten, egal, ob wir eine Tagesthemen-Kommentatorin sind oder nur einen kleinen Twitter- oder Facebookaccount oder YouTube-Kanal haben. Sagen wir es unseren Nachbarn, die auf die vermeintlich gefährlichen Ausländer schimpfen. Geben wir dem Trainer im Fitnessstudio die richtige Antwort auf frauenfeindliche Witzchen, die die gegenseitige Ablehnung unter uns schüren und das tägliche Gegeneinander, was uns so lähmt, unterstützen. Geben wir Menschen eine Chance, sich und ihre menschenfeindliche Haltung zu ändern. Stehen wir für uns und andere ein. Das steht uns gut.

Eine vermeintliche Kleinigkeit kann Großes bewirken. Hassen Sie nicht. Hören Sie auf mit bösen Anfeindungen, mit Hassreden gegen Veganer, gegen Über- oder Untergewichtige, gegen außergewöhnlich Gekleidete, gegen Ihren Nächsten. Und wer sich berufen fühlt, der möge in die Politik gehen und sein Glück versuchen. Dort brauchen wir kluge Köpfe, Visionäre und Idealisten, die sich nicht nur schwafelnd die Taschen vollstopfen, sondern etwas bewegen wollen.
Seien Sie kreativ, seien Sie leidenschaftlich, kämpfen Sie mit. Mit jenen, die es jetzt schon tun und als Weltverbesserer und Moralapostel verlacht werden.
Hinterfragen Sie das Verhalten Ihrer Mitmenschen und Ihr eigenes, seien Sie kein blinder Konsumentensoldat mehr, der sich hirnlos in seine Rolle als Opfer von Werbung und politischen und medialen Verblendungstaktiken ergibt und nur das macht, was man ihm einredet. Überdenken Sie Ihr Konsumverhalten, mit dem Sie über Umweltverschmutzung, Tierquälerei oder Sklavenarbeit entscheiden. Informieren Sie sich, nehmen Sie sich die Zeit, sich Wissen anzueignen, um ihre Entscheidungen differenzierter treffen zu können. Optimieren Sie nicht ihre Figur oder Ihr Make-up, optimieren Sie Ihr Gehirn und Ihre Menschlichkeit.

Der Staat, unser Beschützer und Aufpasser, und der weltweite, übermächtige Kapitalismus haben unsere Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Aber das muss nicht so bleiben.
Aus einem „Wir werden zusammen erdrückt“ kann ein „Wir rücken zusammen“ werden.

Vielleicht bin ich nur der hoffnungslose Fall eines Träumers, aber ich glaube noch daran, dass man gemeinsam etwas bewegen kann. Es gibt schon Menschen, die das tun. Sie sind überall im Internet, schreiben dort und inspirieren andere. Sie sind da draußen unterwegs und helfen freiwillig. Sie sitzen an ihrem Laptop und überweisen online Geldspenden. Sie sitzen vielleicht neben Ihnen beim Friseur und erzählen von ihrer Tochter, die sie regelmäßig zu Demos gegen Rechtsradikale fahren und sie so dabei unterstützen.

Und Sie? Sie können mitmachen. Suchen Sie sich etwas, was Sie tun können. Für die Allgemeinheit und somit auch für sich. Finden Sie Worte oder Taten oder beides. Egal, ob es eine Kleinigkeit oder das ganz große Kino wird. Tun Sie, wozu Sie in der Lage sind.

„Was ist das Wichtigste, was du gerade für die Welt tun kannst?“
(Aaron Swartz, 1986-2013, Visionär, Idealist)

Vielen Dank, dass Sie so geduldig waren, den langen Text eines Träumers bis zum Schluss zu lesen.

Stehen wir für uns und andere ein. Das steht uns gut.

Jetzt lernen Sie meine Oma kennen – und meine Meinung.

Meine Oma ist mir als hutzelige, kleine, etwas verplante Person in Erinnerung. Mit grauem Haar, in dem immer ein Rest Dauerwelle versuchte, Locken vorzutäuschen. Im höheren Alter hat Oma die Dauerwelle nur noch selten beim Friseur machen lassen. „Ach Jung, dat ischa immer auch so düer.“

Sie sprach einen ganz eigenen Dialekt, der sich aus dem für Schleswig-Holsteiner typischen nordischen Slang, plattdeutsch und gesprochenen Rechtschreibfehlern zusammensetzte.
„Düer“, also teuer, ist ein Wort, was man oft von ihr hörte. Dies ist düer, das ist düer, fast alles war düer. Aber manches war ihr nie zu teuer. Dazu gehörte auch ihr einziger Enkel, also ich.

Was mich anging, war sie immer sehr großzügig. Besonders zu Weihnachten und Geburtstagen.
Ich hatte, wie so viele, irgendwann im jugendlichen Alter begonnen, mir von ihr Geld statt gekaufter Geschenke zu wünschen. Dies wurde dringend notwendig, als ich feststellte, dass sie beim besten Willen nicht lernen wollte, dass ich einen eigenen Kleidungsgeschmack entwickelt hatte und schon mit 15 Jahren als Mofarocker keine Pullunder mehr tragen wollte. Nein, Oma, weder einfarbig, noch mit Karomuster. Nein, Oma, wirklich nicht, vielen Dank.
Um diesen regelmäßigen Diskussionen und den Pullundern zu entgehen, besprach ich mich mit meinen Eltern und wir sagten Oma gemeinsam, dass es besser wäre, dem Jungen lieber das Geld zu schenken, was der Pullunder gekostet hätte.

Tja, da begannen goldene Zeiten für mich, denn Oma legte auf das Geld, was der Pullunder gekostet hätte, immer eine ordentliche Schippe obendrauf. Und dazu gab es dann auch immer noch etwas zum Naschen, meist etwas aus ihrer Naschwerksammelschublade. Da kamen immer Pralinengeschenke anderer alter Leute hinein, die wiederum diese Pralinen auch aus ihrer Schublade hatten, in der sie Pralinengeschenke anderer alter Leute sammelten und so weiter.
Manchmal hatte ich aber auch Glück und Oma hat extra was für mich gekauft, von dem sie glaubte, ich mochte es, was auch manchmal stimmte. Solche Sachen kaufte sie als Vorrat, wenn sie im Sonderangebot waren.
So erhielt ich bereits zu einer Zeit lagerungsbedingt weißlich verfärbte Schokolade, als es noch gar keine weiße Schokolade im Handel gab.

Aber zurück zum Geld. Das Besondere an Omas großzügigen Geldgeschenken war, dass Oma eigentlich gar nicht viel Geld hatte. Sie hatte eine gewisse Summe auf der Bank, die von ihr über viele Jahre harten Arbeitslebens zusammengespart wurde und durch einen kleinen Teil Lebensversicherungsauszahlung ergänzt worden war, aber dieses Geld wurde viele Jahrzehnte nicht angerührt. Notgroschen eben. So lebte sie von einer äußerst mickrigen Rente, denn sie hatte Zeit ihres Lebens als „Zugehfrau“ und Putzfrau gearbeitet, was ihr nicht viel Geld einbrachte. Zumal vieles von dem Geld von ihrem Mann, meinem Opa, in Alkohol investiert wurde.
Er kam als Kriegsheimkehrer sein Leben lang mit seinen Erinnerungen an die russische Gefangenschaft nicht zurecht und betäubte sich mit Schnaps. Er starb früh und hinterließ kaum gute Erinnerungen an ihn in uns allen. Und meiner Oma nur eine kleine Witwenrente, da er früh schon seine Jobs verlor und nicht mehr arbeiten konnte.

Oma hatte auch böse Erinnerungen an den Krieg, aber sie hatte keine Zeit für Alkohol, sie musste arbeiten. Harte Arbeit auf dem Land. Den Bauern, die sie bezahlten, die Wäsche waschen, Essen kochen, putzen, auf dem Feld helfen, eben die Arbeit einer Haushaltshilfe und Landarbeiterin. Um genug Geld zu haben, hatte sie mehrere Arbeitsstellen, das hielt sie fast bis zu ihrem Tod so. Ja, und dann hatte sie auch noch zwei Töchter großzuziehen. Sie zog diese Töchter mit harter Hand groß, streng und mit Schlägen, wenn es ihrer Meinung nach sein musste. Das war damals leider noch üblich, auch in der dörflichen Volksschule, auf die meine Mutter und Tante gingen, wurden Schüler noch vom Lehrer gezüchtigt, wenn sie nicht spurten.

Ich habe die harte Hand meiner Oma in meinem ganzen Leben nie zu spüren bekommen. Ich hatte alle erdenklichen Enkelprivilegien. Ich durfte auch mal frech sein. Dann gab es von ihr ein strenges „Na, na, na! Nu is abba gut, Jung!“ und das reichte auch. Ich wollte Oma ja nicht allzu sehr verärgern.
Ich erinnere mich an viele gute Tage mit Oma. Wie wir in ihrem kleinen Garten rohe Erbsen naschten. Wie ich ihr begeistert eine bestimmt fünf Kilo schwere Kröte (na gut, ich war noch klein, sie war vielleicht etwas leichter in Wirklichkeit. Vier Kilo oder so.) unter die Nase hielt und sie sehr tapfer ihren Ekel hinunterschluckte und sagte „Och, die ischa man groooß, Jung. Nu musstu die abba fix torückbringen, von wo du die herhast, da ist irgendwo ihre Familie. Sonz wird die gaaanz unglücklich.“ Immerhin, solche Aussagen, in Angst getroffen, lehrten mich Respekt vor Tieren und den Gefühlen, die sie ja ganz offenbar haben mussten. Wenn Oma das schon sagt.

Egal, was ich für Probleme hatte, zu Oma konnte ich immer kommen. Pubertätsprobleme mit den Eltern? Oma hatte Verständnis. Die Eltern wollen mir den Motorradführerschein nicht zahlen? „Oha, du willz Motorrad fahren? Dat is doch gefääährlich! Na sowat. Hier hast du zweihundert Mark, die gebich dir zum Führerschein druffzu. Aber du daafs nich rasen mit dem Motorrad, ne?“

Einige Jahre vor ihrem Tod, als sie immer mehr Probleme mit ihren Knochen bekam (Oma, du hast Osteoporose, damit musst du zum Arzt – Achwat, son Tüdelkram, Ossoporohse. Ich tu hier son Pferdefett auf die Knie, reib das orntlich ein, denn geiht dat uck wedder), chauffierte ich sie manchmal umher oder kaufte für sie ein. Bescheidene Essensvorräte, großzügige Toilettenpapiervorräte, mehr wollte und brauchte sie nicht mehr. Manchmal Medikamente. Und „son Pferdefett“.

Die letzten Jahre verfiel sie zusehends. Am meisten machte ihr zu schaffen, dass sie nicht mehr gut spazieren gehen konnte.
Sie wehrte sich lange gegen einen Rollator. Als er dann doch da war, kam sie nochmal etwas in Schwung. Besonders deshalb, weil sie sich partout weigerte zu lernen, dass das Ding auch Bremsen hatte, die sie hätte benutzen können. „Dat geiht schon, Jung, nu lass mich man“ war ihre Devise. Ich erinnere mich an einen Besuch in einem Geschäft mit einer Rampe. Meine inzwischen osteoporosebedingt o-beinige, kleine Hutzeloma hoppelte diese Rampe mit hoher Geschwindigkeit hinter ihrem Rollator hinunter, während ich panisch auf der Treppe nebenherlief und versuchte, ihrer Raserei Einhalt zu gebieten.
Als wir beide unbeschadet unten ankamen, lachte sie und sagte „Hui, dat gingscha man fix!“

Sie starb im Krankenhaus. Nach einer Knie-OP, die sie so gerne machen lassen wollte, damit sie wieder spazieren gehen könnte. Ihr altes Herz hat die Strapazen nicht mehr mitmachen wollen und blieb einfach stehen.

Als ich sie das letzte Mal sah, hatte ich ihr Einkäufe gebracht, das Geschirr abgewaschen und die Küche gewischt, während sie mir mit ihrem Gehstock vor dem Gesicht herumfuchtelte, um mir zu zeigen, wo genau ich wischen sollte.

Ich bin bis heute dankbar für die Zeit, die ich mit ihr verbringen konnte. Für die Dinge die sie mich lehrte. Für ihre unendliche Großzügigkeit und ihr Verständnis für all meine verrückten Ideen und Aktionen. Für ihren Humor, den sie bis zum Schluss hatte (Oma, du machst mir die Haustür nur in Unterhemd und Unterhose auf?? – Ja wat denn, Jung, dat ischa man auch waaahm heute, ne?) und für das dazugehörige Schmunzeln, dass sie nur bei mir zeigte.

Meine Oma ist in Pommern großgeworden, sie lebte dort in ärmlichen Verhältnissen. Ihre leibliche Mutter starb früh, so dass Oma schon als Kind im Haushalt helfen musste. Ihr sowieso schon schweres Leben wurde durch den zweiten Weltkrieg nicht leichter, und im Januar 1945 noch viel schwerer, als sie nur mit ihrer Kleidung und einem einzigen Paar Schuhe aus ihrem Heimatort von russischen Soldaten vertrieben wurde. Sie und der Rest der Dorfbewohner mussten flüchten. Alte Menschen und spärliches Hab und Gut wurde auf Pferdewagen geladen, alle anderen mussten neben dem Pferdewagen herlaufen. Es war eisigkalt und der Weg war lang. Sie liefen Tag und Nacht, Menschen starben. Es war eine einzige Tortur. Sie führte nach Schleswig-Holstein, dort erfuhren sie, zu welchen Dörfern sie gehen mussten, um dort unterzukommen. Es gab keine Flüchtlingsunterkunft, sie mussten einfach immer weiterlaufen. Als sie endlich in dem zugewiesenen Dorf ankamen, waren die Meisten mehr tot als lebendig. Auch die Pferde vor den Wagen. Sie brachen zusammen und starben an Ort und Stelle aufgrund der Strapazen.

Meine Oma überlebte den Flüchtlingstreck. Sie wurde auf einem Hof untergebracht, auf dem sie arbeiten sollte und dafür Essen bekam, irgendwann auch ein wenig Geld.

Auf ihre psychische und physische Verfassung wurde keine Rücksicht genommen, nach Kriegsende hatte man dafür keine Zeit. Sie musste tun, was alle anderen auch taten. Arbeiten. Sie kämpfte sich also durch, wie viele andere auch.

Wenn sie das nicht getan hätte, wenn sie nicht aufgenommen worden wäre, ihr niemand geholfen hätte, dann wäre ich heute nicht hier. Ich würde nicht hier sitzen und über sie schreiben, an sie denken und dabei lächeln.

Meine Oma war ein Flüchtling. Keine Reisende, keine Auswanderin, keine Schmarotzerin.

Die furchtbaren Umstände eines furchtbaren Krieges zwangen sie, zu gehen, ihre einzige Heimat, die sie bis dahin kannte zu verlassen. Eine Rückkehr war nicht möglich, in ihrem Zuhause hatten nun andere das Sagen.

Sie kam mit nichts als ihrer Kleidung auf dem Leib und ihren Erinnerungen. Ihr wurde Unterkunft und Essen gegeben, nicht mehr aber auch nicht weniger, dafür arbeitete sie fleißig und hart. Bis zu ihrem fünfundsiebzigsten Lebensjahr, bis die „Ossoporohse“ es nicht mehr zuließ.
Ihre Töchter sind beide wohlgeraten und ebenfalls fleißig.

Und ihr Enkel sitzt hier, versucht, sich die Tränen zu verkneifen und wünscht sich, dass man bitte anderen Flüchtlingen, die alles verloren haben, auch hilft. Ihnen Unterkunft und Essen bietet und so ihre Leben rettet.

So wie der kleinen, hutzeligen Frau, die in seiner Erinnerung immer noch über all seine verrückten Ideen schmunzelt.

 

Epilog:
Meine Eltern, meine Frau und ich spenden Geld, was wir erübrigen können, wir geben Kleidung und Gebrauchsgegenstände an entsprechende Einrichtungen in unserer Nähe, der Vater meiner Frau hat in seinem großen Haus eine geflüchtete Frau und ihr Kind vorübergehend aufgenommen.
Vielleicht können Sie auch irgendetwas für Menschen tun, die ihre Heimat hinter sich lassen mussten.
Falls Sie nicht in der Lage sind, zu spenden, so teilen Sie einfach anderen mit, warum Sie für die Aufnahme von Menschen ohne Heimat und Besitz sind, auch das kann eine Hilfe sein. Schweigen Sie nicht. Und bitte werden Sie kein „besorgter Bürger“, bitte zünden Sie keine Unterkünfte für Hilfsbedürftige an.
Achten und respektieren Sie Ihre Nächsten.

Jetzt lernen Sie meine Oma kennen – und meine Meinung.

Kinderfeindliches Land? Mütterfeindliches Land!

Kinder sind unser aller Zukunft, Kinder können großartige Persönlichkeiten sein, Kinder können unfassbar Spaß machen und den eigenen Blick auf die Welt verändern und erweitern.
Insbesondere, wenn Eltern die Kunst beherrschen, ihre Kinder gut zu erziehen und zu leiten, zu fördern, ihnen ausreichend Freiraum zu lassen, sie Mensch werden und sein zu lassen. All das.

Als Nichtvater darf ich mich wohl kaum über jene erheben, die ihre Kinder nicht erzogen bekommen, weil ich ja keine Ahnung davon habe. Nun. Auf den ersten Blick mag das stimmen. Aber ich war tatsächlich, man wundert sich, selbst einmal Kind. Und ich habe Eltern. Und Erinnerungsvermögen. Und ich kenne Eltern und alleinerziehende Mütter (einige von ihnen haben einen Partner oder eine Partnerin), die es teils sehr gut hinbekommen, teils nicht so gut. Wenn man mit ihnen spricht und sie im Zusammenleben mit ihren Kindern beobachtet, weil man sich für seine Mitmenschen interessiert, bekommt man eine ungefähre Vorstellung davon, wie es zu dem einen oder anderen Erziehungsergebnis kommt.
Sicherlich gehen mir und anderen Menschen mies erzogene Kinder auf die Nerven, und sicherlich wäre eine bessere Erziehung oft möglich, wenn beide Partner, so denn zwei vorhanden sind, und alle anderen Menschen aus der Umgebung des Kindes, die genauso mitverantwortlich für dessen Erziehung zeichnen, an einem Strang ziehen würden. Da allerdings hapert es eben häufig. Verschiedene Ansichten und Methoden, Alleingänge, mangelnde Absprachen untereinander.

Aber wer bekommt letztlich von der Gesellschaft die Alleinschuld?
Die Mütter.

Bevor jetzt die Väter, die statt der Mutter zu Hause geblieben sind, um das Kind großzuziehen, vorwurfsvoll aufmerken, dass es sie ja wohl auch gibt, möchte ich gleich dazu sagen, dass sie zum einen statistisch nicht so sehr ins Gewicht fallen, als dass ich sie hier ständig extra erwähnen müsste, und zum anderen werden diese Väter allein schon wegen des Geschlechts von der Gesellschaft nicht annähernd so behandelt wie Mütter. Den Vätern wird auch einfach vieles verziehen. Dazu weiter unten im Text mehr.

Also die Mütter.

Eine unfassbar große Last ruht auf den Schultern der Mütter. Damit ist nicht nur das zappelnde Kind gemeint, das ihnen gut gelaunt klebrige Bonbons ins Haar einarbeitet, sondern die Beurteilung durch unsere Gesellschaft. Und die wiegt so viel schwerer, als jedes auf den Schultern getragene Kind.

Immer noch wie zu Urzeiten davon ausgehend, dass die Mütter für das Glück oder Unglück ihrer Kinder ganz allein verantwortlich sind, egal ob und wieviel der Kindsvater dazu beiträgt, ist die Gesellschaft mit wachem Fensterrentnerauge überall dabei und beurteilt die mütterlichen Leistungen.
In Sachen Erziehung, Ernährung, Bildung, artgerechter Haltung in Haus und Garten oder Wohnung und Balkon.
Wo die Mutter geht und steht und wickelt und kocht und wäscht und und und, immer hat sie die gesellschaftliche Zeugnisvergabe im Nacken.
In diesem Zeugnis werden ihre Leistungen in allen Belangen ihres Lebens mit Kind aufgeführt.
Und noch dazu natürlich ergänzend ihre Leistungen als Partnerin. Und als Tochter. Genau, das ja auch noch. Angefangen von „Wie gut entspricht sie den elterlichen Erwartungen“ bis hin zum Extremfall Pflege. Denn immer noch ist es beispielsweise die Regel, dass von den Töchtern einer Familie erwartet wird, dass sie sich später einmal um ihre Mutter oder ihren Vater kümmern, falls sie Hilfe benötigen und nicht reich genug sind, sich Rund-um-die-Uhr-Pflege leisten zu können. Die unglaublich teuer ist. Aber das nur nebenbei.

Also Mutter, Partnerin, Tochter. Ach ja, dann kommt natürlich noch die berufliche Leistung dazu.
Denn so ganz ohne Arbeit, das können sich Durchschnittseltern bei den heutigen Anforderungen unseres hochmodernen, durchtechnisierten und von permanenter, bedürfniserzeugender Werbung begleiteten Lebens kaum noch leisten. Ohne Arbeit passiert meist eher unfreiwillig und endet dann gern in Hartz-IV-stigmatisierter Armut, die von großen Teilen der Restbevölkerung gern als Selbst-Schuld-Phänomen betrachtet wird.

Also geht Frau auch noch arbeiten. Zusätzlich zu ihrem Job als Mutter, Partnerin und Tochter.
Und ja, je nach Grad der Lebensfähigkeit und Eigenständigkeit des Lebenspartners ist auch Ehefrau oder Partnerin sein ein anstrengender Job. Ich weiß das, ich bin Ehemann. Ich mühe mich wirklich sehr, aber Arbeit mache ich meiner Frau doch immer wieder mal.

Wenn nun also die Mutter arbeitet, muss sie sich aber auch postwendend einiges anhören. Vielleicht noch nicht so viel, wenn sie in Teilzeit arbeitet, das wird akzeptiert, sogar gewollt, das ist ganz brav. „Nur Hausfrau“ ist ja auch nicht das Wahre, wirkt eventuell faul. Und bei Teilzeitarbeit hat sie noch genug Zeit für die Kinder. Aber wehe, wehe, sie geht ganztags schuften. Tja, da hat sie im Prinzip direkt verloren, selbst wenn sie keine Karrierefrau mit Managementambitionen ist. Ganztags arbeiten? Kommt da nicht das Kind zu kurz, der Partner und der Haushalt? Das muss ja alles geregelt sein, wie soll das gehen? Dann darf sie sich nicht wundern, wenn ihr eines Tages womöglich der Partner wegläuft. Oder das Kind nicht so recht gerät.

Aber hier werden zugunsten der Mutter auch mal Abstriche in der Notenvergabe gemacht. Wenn der Partner nicht genug verdient, zum Beispiel. Da hat die Mutter natürlich ein schlechtes Händchen bei der Partnerwahl gehabt (Sie merken schon, auch hier schwingt eine gewisser Vorwurf in Richtung der Frau mit).

Ganztags arbeitende Frauen also, die muss man besonders genau im Auge behalten, sagt sich die Gesellschaft, und erhöht ein klein wenig den Druck.
Aber der ist nichts gegen den Druck, den die Urteilfäller erst ausüben, wenn die Mutter sogar Karriere machen will.
Das. Geht. Gar. Nicht.
Karriere und Kind? Nein. Rabenmutter. Ganz klar. Egal, wie gut das Kind von Nannys, Kitas, Babysittern, Verwandten und der Mutter selbst versorgt wird, es kann nur schiefgehen. Egal, was das Kind dann jemals für Schwierigkeiten macht oder bekommt, es liegt an der Rabenmutter, die es quasi nackt im Dschungel aussetzte und darauf hoffte, die Gorillagruppe werde es schon irgendwie großziehen.

Ähnlich verhält es sich mit Müttern, die Karriere machen möchten, und das Kind dem Papa überlassen, der seine Karriere hintanstellt. Neben der Tatsache, dass dieser Papa sich von seinen eigenen Geschlechtsgenossen automatisch gefallen lassen muss, dass er jetzt doch irgendwie ein bisschen der Softie ist, der seinen Mann karrieremäßig nicht so ganz richtig steht, ist die Mutter auch hier wieder die, die ihr Kind im Stich lässt.
Denn das Kind gehört zur Mutter. Der Papa ist vielleicht ganz lieb und bemüht, aber nichts geht doch über die Mutter beim Kinde, die ist unersetzlich. Männer sind dem Volksglauben nach einfach nicht ausreichend fähig. Und wenn da nämlich etwas mit dem Kind nicht on top ist, dann hat natürlich die Mutter gefehlt. Da hat der Papa meist Glück, ihm wird verziehen, weil er das ja schon von Natur aus gar nicht so gut können kann. Biologie, wissen Sie?

Der Meinung scheinen ja übrigens auch jene Politiker zu sein, die sich „unwohl“ dabei fühlen, zwei Vätern die Aufzucht von Kindern gesetzlich abgesichert zu erlauben. Zwei Frauen, naja, vielleicht noch so gerade, aber zwei Männer? Muss das sein? Ist da nicht das Kindeswohl in Gefahr, wenn so gar keine Frau im Haushalt ist?

Aber zurück zur Mutter. Neben der geächteten Rabenmutter haben wir da ja noch die sogenannte Helikoptermutter.
Ist es nicht schön, dass unsere Medien oder auch wir selbst immer ganz fix ein negativ belegtes Schubladenwort parat haben, sobald uns etwas querkommt?
Die Helikoptermutter also, die ständig um ihr Kind kreist und alles, aber auch wirklich alles für es tut. Das Kind wird überbeschützt, überversorgt, verhätschelt und so für die Gesellschaft unbrauchbar gemacht, weil es keine Chance hat, ein selbständig handelnder und denkender Mensch zu werden.

Nun, es mag extreme Fälle geben, ganz sicher. Aber wo fängt das Extrem an? Und ich muss hier ehrlich zugeben, dass ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ob ich nicht auch zum Helikoptern neigen würde, hätte ich ein Kind.
In einer Welt wie der unseren besteht die Gefahr zwar nicht aus Drachen oder anderen wilden Tieren (und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit den Wölfen, die bei uns einwandern. Informieren Sie sich und erfahren Sie, wie verschwindend gering die Gefahr ist, die von diesen scheuen Tieren ausgeht. Und ziehen Sie ihrem Kind kein rotes Käppchen auf.), aber sie ist dennoch voller Gefahren.

Die Gefahr geht in beinahe jedem Fall vom Menschen aus. Wo man einst den Kindern nur beibringen musste, dass der Baum, auf den sie klettern, nicht zu hoch und morsch sein sollte und welche Beeren und Kräuter sie in Wald und Flur nicht essen dürfen, wenn sie nicht anschließend viele Stunden auf der Toilette verbringen möchten, muss man heute schon etwas mehr leisten.
Rücksichtslose Autofahrer, giftiges Spielzeug aus China, mobbende Mitschüler, sämtliche Gefahren aus dem Internet, um nur einige wenige und dennoch umfangreiche Gefahrenquellen zu nennen. Von der Gefahr aus den eigenen Reihen, wenn beispielsweise der Opa väterlicherseits die Enkeltochter für seine kranken sexuellen Wünsche benutzt, will ich hier gar nicht erst anfangen.

Ich würde mein Kind, mein eigen Fleisch und Blut, mit Sicherheit beschützen wollen vor all diesen Gefahren. Und ich würde es auf die mir richtig erscheinende Weise, möglichst ohne große Beschädigungen zu erleiden, durch den Lebensslalom mit all seinen schwierigen Haarnadelkurven und Hindernissen lenken wollen. Weil ich mir der Gefahren bewusst bin. Und ich würde wollen, dass mein Kind bestmögliche Startchancen ins Leben von mir mitbekommt.
Ich weiß nicht, wie weit ich gehen würde, oder wie viele Freiheiten ich dem Kind lassen könnte, ohne vor Sorge grüne Pusteln zu bekommen. Ja, vielleicht wäre ich ein Helikopterpapa, wer weiß.

Was die Helikoptermütter angeht aber, so möchte ich doch einmal ganz deutlich sagen, dass mir jedes noch so helikopterige Elternteil lieber ist als jene, die ihr Kind vernachlässigen, verwahrlosen lassen oder misshandeln.
Eine Freundin von mir arbeitet in einem Jugendamt und weiß (ohne mir Namen oder genaueste Einzelheiten zu berichten) haarsträubende Geschichten zu erzählen, die alle so furchtbar wie wahr sind.
Und die Menge der Fälle, die diese Freundin und ihre Kollegen zu betreuen haben, ist erschreckend groß und wächst immer weiter. Und so groß, wie diese Menge ist, so gering ist die Unterstützung, die unser Staat an dieser Stelle bereit ist, zu leisten. Die Zustände sind, gelinde gesagt, katastrophal.

Aber das wollen wir ja offenbar alle nicht so gerne sehen, das ist so ein schweres Thema, ein scheinbar unlösbares Problem. Viel lieber hacken wir also auf den sogenannten Helikoptermüttern herum. Nun. Wie gesagt, es gibt ungesunde Extremfälle, aber bitte, lassen wir doch dieses allgemeine Müttergebashe. Es ist unsäglich und halbwegs gebildeter und reflektiert denkender Menschen nicht würdig.

Genauso wenig übrigens, wie Männern die Fähigkeit generell abzusprechen, mit Kindern umgehen zu können. Sie können es ebenso gut wie Frauen. Denn Frauen wissen auch nicht alles automatisch mit der Geburt eines Kindes. Sie müssen das auch erst lernen. Und lernen, das können Männer auch. Und sind mit Baby im Arm oder Kind an der Hand nicht weniger Mann, als ohne. Im Gegenteil, wenn Sie mich fragen, aber ich bin da natürlich nicht ganz objektiv.

Aber weg von den Männern, und nochmal zurück zur Rabenmutter wegen Karriere, Helikoptermutter wegen des Zuviels an Kümmerung, was war da noch? Richtig, die Alleinerziehende. Hier liegt aus Sicht der Gesellschaft ja auch immer noch so einiges im Argen.

Schuld daran hat auch hier in der Regel die Mutter selbst. Da kann sie machen und sagen, was sie will, alleinerziehende Mutter zu sein ist nach wie vor ein Makel. Das gehört so nicht, auch hier ist das Kind nicht Kind sondern Leidtragende oder Leidtragender. Das spürt das Kind auch. Beziehungsweise bekommt es zu spüren, und zwar von der Gesellschaft, die es ihm einredet, es so behandelt, die Mutter in seinem Beisein zurechtweist.

Nicht zuletzt auch auf finanziellem Wege, denn Alleinerziehende werden vom Staat schlicht im Stich gelassen, an dieser Stelle entspricht der Staat den Ansichten der Gesellschaft.
Sollen sie doch sehen, wie sie klarkommen. Sollen sie sich halt einen Mann suchen, man kann sich ja mal anstrengen und die Ansprüche nicht so hoch schrauben.
Ja, die alleinerziehende Mutter wird schon irgendwie Mist gebaut haben, in irgendeiner Form, sonst wäre sie ja jetzt nicht allein. Aber sie darf es wieder in Ordnung bringen. Nur eben allein. Ganz allein. Hätte sie sich ja schließlich vorher überlegen können. Und jetzt sitzt sie da, hat das Kind oder gar mehrere und die haben es nun natürlich nicht gut.

Soweit nur einige der Vorurteile und Verurteilungen bezüglich Alleinerziehender. Das könnte ich hier noch endlos fortsetzen.

Aber keine Sorge, das mache ich nicht.
Das machen Sie bitte selbst, mit dem Ziel, eigene Vorurteile und Irrtümer abzubauen.

Gehen Sie hinaus, ganz egal, ob sie Frau oder Mann sind, arm oder reich, selbst Kinder haben oder nicht. Gehen Sie und sehen Sie sich mit wachem Auge an, wie Mütter behandelt werden und achten Sie darauf, wie Sie selbst über Mütter sprechen und sie behandeln.
Sprechen Sie mit ihnen ruhig mal darüber, fragen Sie sie nach den alltäglichen Problemen und der Anerkennung, die sie für ihren so wichtigen Beruf als Mutter bekommen.

Es ist natürlich wichtig und wird immer wichtiger, gut zu beobachten, ob es irgendwo einem Kind wirklich schlecht geht. Und im Falle eines Falles zu helfen.

Aber immer und zu jeder Zeit alle Mütter unter eine Art Generalverdacht des Versagens zu stellen, sie permanent unter Druck zu setzen, das ist auch nicht der richtige Weg und unserer ach so fortschrittlichen Gesellschaft nicht würdig.

Mütter sind nicht Kraft ihres Amtes Heilige. Das ist ein Anspruch, an dem sie nur zerbrechen können.

Aber Blitzableiter für unsere Unzufriedenheit mit der Gesellschaft, in der wir leben, das sind sie auch nicht.

Kinderfeindliches Land? Mütterfeindliches Land!

Es stürmt im Netz. Muss der Klimawandel sein.

An manchen Tagen ist das Internet einfach nicht zu gebrauchen. Außer vielleicht noch zum Shoppen. Oder um fachspezifische Informationen einzuholen, die nichts mit Politik zu tun haben, irgendetwas Technisches vielleicht.
Aber an Tagen, an denen politische Entscheidungen und Entwicklungen anstehen, an Tagen, an denen Nachrichten von Kriegen, Flüchtlingen, Länderpleiten etc. durch die Medien in jeden noch so feinen Haarriss des Internets gespült werden, an jenen Tagen wird’s ungemütlich.

Als wären die Nachrichtenflutwellen allein schon nicht anstrengend, furchtbar und emotional auslaugend genug, kommen heute grundsätzlich noch hunderte, tausende Kommentare jener Menschen hinzu, die sich berufen fühlen.
Berufen, auch ein wichtiger Mitspieler zu sein. Auch etwas Wichtiges zu sagen zu haben.
Wichtige Blogger, wichtige Twitterer, wichtige Facebooker, wichtige Wasauchimmers. Wichtig. In jedem Fall.

Weil man es sonst nicht ist. Den Kollegen an der Arbeit, den Katzen beim Homeoffice, dem Fleischereifachverkäufer beim Einkaufen – natürlich kann man denen auch alles erzählen.
Im Idealfall (bei den Katzen) hören sie zu, vielleicht antworten sie (beim Fleischereifachverkäufer darf’s etwas mehr sein) sogar oder diskutieren mit einem (Diskussionen mit den Kollegen, naja, man will deren womöglich abweichende Meinung gar nicht hören).

Aber im Internet, da wird’s erst so richtig toll, weil es da so schön viel Publikum gibt. All diese Menschen, die einen lesen können, wow, das flasht erst so richtig. Egal, ob das eigene Gedankenerbrochene qualitativ wirklich hochwertig und gut lesbar ist, oder ob es eher etwas gleicht, was Hunde am Wegesrand auflecken, ganz egal, es wird reagiert. Zig „Gefällt mir“, drei- oder gar vierstellige Favanzahl auf Twitter, womöglich ein vielfach geteilter Blogeintrag (das ist ja quasi der Ritterschlag zum Qualitätsjournalisten, könnte man nach dem Gehabe einiger BloggerInnen meinen).
All das garantiert Beachtung und vermeintliche Bedeutung. Ja, du und deine Meinung bedeuten, sagen die Favs und Gefälltmirs. Zustimmende Replies und Kommentare unterstreichen deine Wichtigkeit.

Und wenn du so richtig viele Follower auf Twitter hast, ja, das ist der Hauptgewinn. Da kannst du einen Shitstorm starten. Mit oder ohne Hashtag. Aber mit Hashtag ist es effektiver. Da erreichst du sie alle, die Zustimmer, die Mitläufer ohne Sinn und Verstand.
Da wird nicht reflektiert, nicht überlegt, nicht recherchiert. Wahrheitsfindung wird nicht nur ganz klein geschrieben, nein, sie wird geradezu aktiv verhindert. Die Wahrheit ist aber auch oft so trocken und emotionslos. Blinder Aktionismus, ja, das ist es. Das macht einfach Spaß, da ist Dynamik und Thrill pur am Start.
Einfach draufloskommentieren, faven, gut finden. Und natürlich selbst Schmähschriften, Beschimpfungen und diese ach so witzigen Tweets verfassen, das ist so schnell gemacht.

Und wer es bunter mag, nimmt sich ein Bildbearbeitungsprogramm der einfachsten Art und macht Sprechblasenbildchen zum Thema oder kritzelt gar noch auf Papier irgendetwas zusammen und postet es als Foto, malt Hitlerbärtchen, es gibt keine Grenzen mehr. Mitmachen um jeden Preis. Und der ist gering bis gar nicht vorhanden. Alles, um zu bedeuten oder um Hass oder einfach nur miese Laune loszuwerden.

Worum es geht? Fast egal. Irgendwas mit Griechenland, mit Merkel, mit Flüchtlingen, ir-gend-was. Was immer so auf dem Weg der emotionalen Entrüstung liegt und den Mob anzusprechen vermag.
Sachliche Debatte? Echte Informationen? Gar brauchbare Problemlösungsvorschläge? Sorry, ihr bleibt auf der Strecke. Das müsst ihr verstehen, ihr seid langweilig, geht weg.

Nein, die emotionale Ebene, die, mit der man Facebookfreunde oder Follower akquirieren kann, unendlich viel kritiklose Zustimmung sammeln und sich auf seine innere Heldentapete pinseln kann, das ist die Ebene, auf der das Leben tobt.
Ja, und endlich bedeutet man.
Dort.
Am virtuellen Stammtisch.
Als Parolenschwinger. Mit Bier im Schlund und Endgerät in der Hand als Zepter vermeintlicher Macht, mit erhobener Netzstimme, sich hysterisch überschlagend, laut, unsympathisch, unappetitlich.

Der Klimawandel ist im Internet angekommen, rechnen Sie mit Stürmen. Jederzeit.

Es stürmt im Netz. Muss der Klimawandel sein.